02.03.2003 19:43
Der ausgestellte Urlaut im Schweizer
Garten:
Der "Große Österreichische
Staatspreis"
Wien - Eine Freundin aus Tennessee, die erstmals mit dem
Zug durch Österreich fuhr, wunderte sich vor allem über die Häufung des Lautes
"Ö" in österreichischen Ansagen. Und aus der österreichischen Liebe zum "Ö" - in
der Frequenz ex aequo mit dem Ausdruck "gestatten", der am liebsten verwendet
wird, wenn man in der Straßenbahn gerade jemanden wegdrängt - erklärt sich
vielleicht auch, dass es so viele "Österreichische Staatspreise"
gibt.
Eine am Freitag eröffnete Ausstellung im "20er-Haus" versucht
Ordnung ins Chaos und Moderne in die Tradition zu bringen (Kurator: John
Sailer). Sie beschränkt sich auf den "Großen Österreichischen Staatspreis",
verliehen für Literatur, Kunst, Musik. Er wurde, nach unseliger Erstkarriere
zwischen 1934 und 1938, im Jahr 1950 neu gegründet, schnell bestückt mit alter
Mannschaft, die dann wieder die Jury bildete, vertraut aus Ständestaat und
NS-Zeit.
Erste Preisträger waren u. a. Max Mell (Die Nibelungen, 1942 am
Burgtheater) und Rudolf Henz. Letzterer - geboren 1897 in Göpfritz an der Waltz
und unter Dollfuß der Rundfunkchef - dominierte die Jury bis zu seinem Tod 1987
und fand auch Eingang in Thomas Bernhards Holzfällen. Bis zu den Verleihungen an
Manès Sperber (1977) und Friedrich Torberg (1979) blieb der "Große
Österreichische Staatspreis" im Felde der Literatur erschreckend "judenrein";
Ilse Aichinger erhielt ihn erst 1995 (und bedankte sich mit frecher
Undank-Rede). Klar, dass der angesehenste Preis des Staates wie dieser selbst
von stagnierender Ideologie geprägt war. Was in der Ausstellung weniger zu sehen
ist - wie ließe sich "Ide- ologie" auch visualisieren?
Der Galerist John
Sailer denkt als Augenmensch stärker von der bildenden Kunst her:
Staatspreisträger Oskar Kokoschka und ansprechende Architekturmodelle der
Preisträger Hans Hollein (1983) und - frech - von Coop Himmel(b)lau (2000) geben
Hoffnung; desgleichen Klänge der Preisträger György Ligeti und Ernst
Krenek.
Es könnte noch kritischer sein. Doch in vielem wird hier ein
"Gegen-Ö" entworfen. Auch unbekanntere Porträtfotos (ein grimmiger Ernst Jandl,
eine zarte frühe Ilse Aichinger) wurden ausgegraben und liefern im Zusammenhang
mit guten Katalogtexten (u. a. von Friedrich Achleitner zur Architektur) den
Entwurf der Möglichkeit eines anderen Staates, anders als das jeweils
akzeptierte Gefüge. Soeben wurde die neue Bundesregierung
angelobt.
(Richard Reichensperger/DER STANDARD; Printausgabe, 01.03.2003)