13.05.2003 11:07
Häuserrauschen im Windkanal
Formfurie Zaha Hadid zeigt Skulpturen, Architekturen und andere rasante
Strukturen im MAK
Wien - Die britisch-irakische Architektin Zaha Hadid
verfügt über eine jener Ausnahmepersönlichkeiten, die raumfüllend sind. Wo sie
steht, vibriert die Umgebung. Hadid, groß, schwer, extravagant, ist ein Erdbeben
von einer Frau, ihre Architekturen entsprechen dieser Vitalität.
In den
vergangenen Wochen bekam das Wiener Museum für angewandte Kunst die Kräfte der
multitalentierten Künstlerin in angewandter Form zu spüren: Im Rahmen der
Ausstellung "Zaha Hadid. Architektur" - der übrigens bisher größten Gesamtschau
der prominenten Architektin - gestaltete sie ein Raumobjekt mit dem Titel
Ice-Storm und erfüllte mit einem gewaltigen Morphingprodukt in Form styroporener
und kunststoffüberzogener Zapfen und Wellen einen gesamten Raum.
Neue
Wohnformen
Die Skulptur soll, so Kokurator Rüdiger Andorfer, als
"gebautes Manifest" verstanden werden, als eine "neue Form des Wohnens". Doch
wohnlich im herkömmlichen Sinn ist hier gar nichts. Das bizarre Ding verweist
womöglich auf neue Wohnwelten, die da (wieder) einmal kommen werden; auf Räume,
deren Böden, Wände, Decken sich mit Aus- und Einstülpungen zu Möbelartigem
entwickeln.
Derweilen vermag das Objekt vor allem skulpturale Atmosphäre
zu schaffen: Es demonstriert, wie sich ein Raum einverleiben lässt, doch auch
das ist letztlich spätestens seit Friedrich Kiesler nichts ganz
Neues.
Neu sind die Werkzeuge, der Computer, die Morphingprogramme - und
neu ist vor allem der Wille, mit dem Raum wieder zu spielen, die letzte Dynamik
aus ihm herauszuholen.
Der Eissturm ragt bekletterbar übermannshoch
empor, er zieht sich über Wände und Boden, die Installation spielt mit den
Effekten verschiedener Grauabstufungen und kühl temperierter Belichtungen. Der
Betrachter muss genau aufpassen, ob er gerade Licht-Schatten-Spielereien auf den
Leim geht oder ob die verwirrenden Grau-Schlieren wahrhaftig aufgepinselt
sind.
Dieser Sturm ist ausstellungstechnisch betrachtet das Zentrum eines
Taifuns. Die Schau rotiert gewissermaßen um dieses Auge und veranschaulicht
anhand vieler Bilder und Modelle den Werdegang Hadids, beginnend mit den späten
70er-Jahren.
Die Anfänge, das waren atemberaubend dynamische Gemälde
utopischer Architekturen, faszinierende Kunstwerke in Acryl, hauchzart auf
Karton gepinselt. Hadid zerriss das Herkömmliche, stell- te ihre Häuser quasi in
den Windkanal, brachte eine Rasanz in ihre Entwürfe, wie sie wohl keiner ihrer
Kollegen bis dato zustande gebracht hat.
Major Paintings
"Major Paintings" nennt sie diese Bilder auf meist schwarzem
Hintergrund - und wer die Gemälde bisher nur aus Publikationen kannte, wird bei
der Livebetrachtung noch neue Dimensionen darin entdecken. "Der Pinsel hat eine
andere Sensibilität als der Bleistift", sagt MAK-Chef Peter Noever, "die Gemälde
vermitteln eine andere Dimension von Empfindungen und
Gefühlswerten."
Nach langen Jahren an der Spitze der
Architekturtheorieavantgarde realisiert Hadid nun weltweit ein Haus nach dem
anderen. In Rom baut sie ein Kunstmuseum, ein anderes in Wolfsburg; das
Contemporary Art Center in Cincinnati wird im Mai eröffnet; das
BMW-Zentralgebäude in Leipzig ist in Bau; die Verbauung der Wiener
Stadtbahnbögen soll im Herbst begonnen werden. Und wie es ausschaut, wenn
Hadid-Architektur vor Ort konstruiert wird, veranschaulichen großformatige
Fotos: Die Betonschalungen der Baustelle in Wolfsburg etwa wurden
millimetergenau in Form gefräst.
Mittlerweile vermischen sich in Hadids
Londoner Büro die Disziplinen. Renderings werden computergeneriert - sie ähneln
den Malereien, beweisen aber, dass die Maschine kaum je dieselbe Ausdruckskraft
zustande bringt. Deshalb greift die Architektin immer wieder zum Pinsel. Die
neuen "Major Paintings" sind - wenn möglich - noch feiner, und sie sind
ebenfalls hier zu sehen.
Formfurie
Die reduziert und gut
gestaltete Ausstellung mischt gekonnt Fiktion und wahrhaftige Projekte und zeigt
so den Werdegang einer durchaus polarisierenden, faszinierenden Formfurie.
Sehenswert. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2003)