24.05.2003 11:00
Die Eventkultur wird bald aufhören
Worauf es bei der Planung und Positionierung von Museen ankommt:
STANDARD-Interview mit der Konsulentin Claudia Haas
Nach fast zehn Jahren Museumsleitung kann man einiges an
Erfahrung weitergeben: Claudia Haas, promovierte Kunsthistorikerin, hatte auf
ihrem Gebiet in Wien, Rom und bei Sotheby's in New York gearbeitet, bevor sie zu
Beginn der Neunziger das ZOOM Kindermuseum (heute im Wiener MQ) gründete und bis
letzten Februar leitete. Heute ist sie Konsulentin beim
Museumsberatungsunternehmen Lord Cultural Resources Planning & Management
(Sitz in Toronto); von Wien aus berät sie staatliche, kommunale und private
Museen und Kulturinstitutionen in Europa, einige auch in Übersee. Wir trafen sie
bei einem ihrer derzeit nicht allzu häufigen Stop-overs in Wien zwischen zwei
Terminen im Ausland.
STANDARD: Was zählt zu Ihren
hauptsächlichen Aufgaben?
Haas:Den Institutionen dabei zu helfen,
sich ein Profil zu geben, eine Positionierung - mit der sie dann auch arbeiten
können und unverwechselbar bleiben.
STANDARD: Was wünscht
sich beispielsweise eine Gemeinde von Ihnen als
Konsulentin?
Haas:Eine mittelgroße deutsche Stadt ist ein Kunde
von mir, die will eine Generalüberholung ihrer Museumssituation. Wir schauen uns
alle Museen, Sammlungen, Depots und Organisationsstrukturen an, sprechen mit den
Mitarbeitern und machen eine Marktanalyse.
STANDARD: Werden
da auch die Bürger befragt?
Haas:Bestimmte Hauptzielgruppen, warum
sie in die Museen gehen oder nicht gehen. Wir schauen uns die
Besucherstatistiken an . . .
STANDARD: Die sollen ja
gelegentlich hochgejubelt werden.
Haas:Das stimmt. Es werden etwa
die Zahlen bei Eröffnungen genannt, aber relevant sind die durchschnittlichen -
die schauen wir uns an.
STANDARD: Sind die manchmal
erschreckend?
Haas:Die sind oft erschreckend, ja. Aber wenn man
das Museum besucht, dann weiß man meistens warum. Als Berater soll man auch
anonym durch ein Haus gehen, da kommt man auf viele Schwachstellen. Zum Beispiel
darauf, dass in manchen Museen die Kunstvermittlung beim Postkartenverkäufer
läuft.
STANDARD: In den letzten rund 20 Jahren hat es ja
einen großen Museumsboom gegeben. Wenn man davon ausgeht, dass diese Expansion
nicht anhalten und es zu Krisen kommen wird: Welche beratenden Tätigkeiten
werden dann wichtiger?
Haas:Den einzelnen Museen ein stärkeres
Profil geben wird wichtiger. Und rechtzeitig eine Marktanalyse durchführen, wie
wir sie anbieten. Dann kann man solche Krisen vermeiden.
STANDARD: Wenn aber so etwas wie 9/11
passiert?
Haas:Dann muss man die Prognosen natürlich adjustieren.
Aber es war unabhängig davon meiner Ansicht nach ein Fehler, dass man zu sehr
auf den Tourismus gebaut und die Museen zu wenig als Kommunikations- und
Sammlungsplätze innerhalb einer Stadt gesehen hat.
STANDARD:
Ist die wissenschaftliche Aufarbeitung einer Museumssammlung auch etwas, wo
Sie beratend zur Seite stehen können?
Haas:Ja, und sie ist unserer
Ansicht nach sogar sehr wichtig, gerade in Zeiten der Blockbuster-Ausstellungen.
Gerade da sollen die Arbeiten von Kuratoren publik gemacht werden. Es gibt
schöne Beispiele dafür, vor allem im angelsächsischen Raum, wie die Objekte von
Dauerausstellungen neu gezeigt werden, wie Kuratoren ihre Auswahl erklären - und
das wird gut angenommen. Was Wolfgang Kos zum Beispiel macht, wenn er die
Bedeutung gewisser Sammlungsobjekte erklärt (siehe Seite A 3
), das ist
eine wichtige und - let's face it - auch kostengünstige Aufgabe eines Museums.
Oder Depotführungen: ebenfalls ein gutes und attraktives Angebot.
STANDARD: Man hat dennoch das Gefühl, dass relativ viele Museen
bzw. deren Direktoren auf die Blockbusters setzen.
Haas:Das ist
ein Problem der Eventkultur, nur wird's bald aufhören, einfach weil die
Versicherungswerte immer höher werden und weil es ja auch für die Objekte nicht
grad das Beste ist, wenn sie hin- und hergeschickt werden. Ich glaube, dass die
Zukunft in den kleinen, feinen Ausstellungen liegt. Und dass man die eigene
Sammlung in neuen Kontexten zeigt.
STANDARD: Was ergibt eine
Diagnose der Wiener Museumssituation im Überblick?
Haas: Sie
ist eine der besten Beispiele dafür, dass Museen sich zu wenig auf ihr eigenes
Profil konzentrieren.
STANDARD: Auf welchem Gebiet könnten
Museen bei uns Beratung besonders gut brauchen?
Haas:Beim Thema
Teamarbeit. Museen in Mitteleuropa sind noch sehr hierarchisch aufgebaut, und
das ist nicht unbedingt für Struktur und Ergebnis förderlich. Es drückt sich
keine Vielfalt mehr aus, wie man sie in guten Museen erfährt. In solchen kann
jeder Zuständige seinen oder ihren Bereich präsentieren. ALBUM/ DER STANDARD,
Printausgabe, 24./25.5.2003) <