05.09.2003 21:53
Von der Vernichtung verschont
Noch ein 11. September: Einge neuere Arbeiten von Cornelius Kolig blieben
von den Fluten verschont - Zu sehen in Klagenfurt - Foto
Thomas Bernhard sagte in einem seiner denkwürdigen Interviews
sinngemäß: Dort, wo die Philosophen am ernstesten erscheinen, seien sie am
meisten zum Lachen; und umgekehrt. Darin äußert sich eine Grundhaltung, die
Cornelius Kolig mit dem Schriftsteller teilt. Und Arnulf Rohsmann hat sie in der
Einleitung zur ersten großen Monographie (Cornelius Kolig. Flush. Neue Arbeiten
für das Paradies, 1990) mit den beiden Worten "Exzess" und "Ironie"
umschrieben.
Das vom heute 61-jährigen Künstler so bezeichnete "Paradies"
im Kärntner Gailtal wurde durch die Vermurung Anfang der Woche stark beschädigt,
viele Arbeiten sind unwiderbringlich verloren. Es war nicht nur Depot für Koligs
Lebenswerk, sondern auch ein "natürlich" wachsendes, architektonisches,
landschaftsgestaltendes Gesamtkunstwerk und Laboratorium. Dieser Komplex und die
darin versammelten Arbeiten reagierten analytisch, kritisch, aggressiv und/oder
ironisch auf verdrängte Wünsche, Gefühlsduselei und vieles, was mit Tabu oder
Scham belegt ist. Aber nicht aus fehlendem Respekt, sondern, ganz im Gegenteil,
weil die natürlichsten Dinge wie Sexualität oder Stoffwechsel damit belegt sind,
während die ästhetisierbaren Anteile schamlos kommerzialisiert
werden.
Die Schlusszeile aus dem Gedicht Kindheitserinnerung des seit
langem verstorbenen Kärntner Lyrikers Johannes Lindner lautet in Anspielung auf
eine Tote: "(...) nunmehr wehendes Gras vor der Kirchentüre." Nunmehr: In einer
Gesellschaft, die vom Auto über Wohndesign bis hin zum Geschirrspülmittel
tendenziell alles zum erotischen Fetisch stilisiert, und in einer Gesellschaft,
in der Scham und Tabu hauptsächlich dazu dienen, Unverschämtheiten von Politik
und Markt zu decken, antwortet der Künstler Cornelius Kolig als
Gesellschaftshygieniker mit rituellen Gegenbildern, Maschinen, Installationen;
mit Ethos und Eros seiner Arbeiten - und mit beißendem Witz.
Einige
seiner neuen zeichnerischen und Malarbeiten blieben von den Fluten deswegen
verschont, weil sie zu dem Zeitpunkt bereits in der Klagenfurter Galerie 3 zum
Hängen bereit lagen. Die Eröffnung der Ausstellung fällt auf den 11. September.
(Martin Adel/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2003)