
STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl, der die Diskussion leitete, gab sich gleich anfänglich hoffnungsfroh: Eine wissenschaftliche Arbeit des ebenfalls am Podium sitzenden Grazer Südosteuropaexperten Karl Kaser, der kenntnisreich über die Symbolik der türkischen Fahne referierte, über die Bauernschaft der Oststeiermark zwischen Erstem und Zweiten Weltkrieg habe ihm, Sperl, den Eindruck vermittelt, dass die Lage dort nicht viel anders gewesen sei als heute in Anatolien. Fortschritte seien also möglich.
Ehrenmorde
Das zog SP-Klubobmann Josef Cap mit dem Hinweis auf mehrere Ehrenmorde an Türkinnen in Berlin, von denen er in der Zeitung gelesen hatte, in Zweifel. Der EU-Beitritt der Türkei werde von neoliberalen Kräften propagiert, welche auf ein gut gefülltes Arbeitskräftereservoir erpicht seien und sich wenig um Menschenrechte scherten.
Cap musste sich hierfür aus dem Publikum ("Sie wollen nur Haider-Stimmen gewinnen") ebenso schelten lassen wie vom Podium her: Der Journalist Robert Misik meinte, dass ein Verbrechen in Berlin keine triftigen Schlüsse auf die politische Entwicklung in der Türkei zulasse. Die grüne Abgeordnete Ulrike Lunacek warf Cap vor, dass er in einem starren Türkeibild verharre und Fortschritte nicht zur Kenntnis nehme. Fortschritte sah auch die ORF-Journalistin Monika Ladurner: "Dass in einem Lokal in Ankara kurdische Musik gespielt wird, das hätte es vor drei oder vier Jahren noch nicht gegeben."
Am entspanntesten gab sich der Deutsch-Türke Zaimoglu: Er riet dazu an, in den oft verkrampften Beitrittsdebatten auch den Humor nicht zu vergessen und erläuterte, wie er die türkischen Fahnen an der Kunsthalle verstehe: Als einen Spiegel, mit dessen Hilfe jeder, der hineinschaut, auch seine eigenen Gefühlsreaktionen überprüfen kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.03.2005)