Märkische Allgemeine ? Potsdam ? Regionale Nachrichten *Regionale Nachrichten* 28.10.2005 Alles ist Politik Elitärer Disput über Kunst mit Documenta-Macher Roger M. Buergel in der Mittwochsgesellschaft WELF GROMBACHER E igentlich könne er in Kassel als Kurator der nächsten Documenta ja sogar "eine Bierdeckelsammlung aus Potsdam ausstellen". Sein gerade mal eine DinA-4-Seite umfassender Vertrag lasse ihm diesbezüglich auf jeden Fall alle Freiheiten, sagte Roger M. Buergel, designierter Macher der Documenta XII, bei der Mittwochsgesellschaft im Westflügel des Nauener Tores. Nun, ganz so profan wird es auf der 2007 stattfindenden Weltkunstausstellung wohl nicht zugehen. Aber vielleicht hin und wieder provinziell. Denn der 1962 in Berlin geborene, lange in Wien lebende Buergel verfolgt einen kuratorischen Ansatz, der davon ausgeht, dass im Zeitalter der Globalisierung die Probleme auf der Welt überall zumindest ähnlich sind und deswegen einen analogen Ausdruck in der Kunst finden. Darum will Buergel in Kassel viele "lokale Kontexte global vernetzten". Vor allem aber wird die zwölfte Documenta wohl eins sein: sehr sozialkritisch. Buergel ist - überspitzt gesagt - der Ansicht, alles sei Politik. Demnach hat auch Kunst vor allem politisch zu sein. Auf jeden Fall die Werke, die er auswählt. Bestimmt spricht einiges für diese These. Wenngleich sie ein wenig eindimensional erscheint, wie auch Ralf Fücks meinte, den die veranstaltende Heinrich-Böll-Stiftung als Widerpart geladen hatte, um "Über das Verhältnis von Kunst, Publikum und Politik" zu diskutieren. Fücks als Vorstandsmitglied der Stiftung kritisierte vor allem, dass die von Roger M. Buergel zuvor in einer Diashow präsentierte Kunst "immer abstrakter und intellektueller werde" und die Menschen immer weniger sinnlich anspreche. Er beklagte in Folge dessen einen "Verlust der kunstspezifischen Ausdrucksfähigkeit". Kunst sei oft nur noch "Recherche", betreibe lediglich "Soziologie mit anderen Mitteln". Buergel gestand einen "emanzipatorischen Ansatz" daraufhin durchaus ein: "Ich finde es gut, Kunstwerke als Argumente einzusetzen. Auch, wenn ich nicht glaube, dass man durch Kunst die Welt retten kann." Leben könne er hingegen damit, "dass ein Kunstwerk nach ein bis zwei Monaten wieder in einen anderen Rezeptionsraum entlassen" werde. Buergel konterte so den Vorwurf von Fücks, dass tagespolitische Kunst einen sehr hohen Verfallswert besitze. Von "kontrafaktischer Kommunikation" war die Rede, vom "normativen Einfluss von Gemeinschaftsbildern" sowie vom "assoziativen Fluss der Verbindlichkeit", welcher der Feuertreppe eines Oscar-Niemeyer-Hauses in Sao Paulo innewohne. Die erlesene Schar von 20 Zuschauern (nach der Pause nur noch 14) lauschte beeindruckt. Und am Ende war so manchem immerhin eines klar: Wenn sich die Kunst in Kassel 2007 so präsentiert wie am Mittwoch in Potsdam über sie geredet wurde - elitär, umständlich und belehrend - dann wird sie es verdammt schwer haben beim Publikum. Aber bis dahin sind ja noch zwei Jahre Zeit. Und: Am Ende spricht die Kunst ja vielleicht wider Erwarten doch für sich selbst. Gute Kunst tut das. © Märkische Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam Realisiert von Unrast + icomedias mit ico»cms