


Mit diesem einzigen Satz im Roman Die Strudlhofstiege gelingt es Heimito von Doderer, einen Raum zu zeichnen. Er formuliert ihn nicht über die üblichen architektonischen Kriterien wie Lichteinfall oder Mobiliar, sondern – ganz beiläufig mit "übrigens" eingeleitet – über die Dimension des Hörens. Er nimmt sozusagen das Ohr bei der Hand und lässt vor unseren Augen einen kleinen Ausschnitt der Stadt entstehen. Das funktioniert, weil er uns die Geräuschlandschaft bewusst macht (und, nebenbei, weil er ein begnadeter Formulierer war).
Kaum jemand denkt überhaupt daran, dass jeder Raum neben seiner Dreidimensionalität auch ein akustisches Volumen hat, einen ganz spezifischen Klang, der sich verändert, der leise sein kann wie das Schiff einer Kirche, lärmend wie ein Straßenraum, dumpf wummernd wie ein Stadtraum aus der Ferne gehört.
Es gibt ein "Sehen mit Ohren", und diesen Titel trägt auch eine CD, die seit Kurzem zu kaufen ist und derzeit zum Beispiel alle Abonnenten der "Zeitschrift für Stadtforschung" namens dérive erfreut. Deren aktuelle Ausgabe befasst sich mit dem Thema "Stadt hören", und darin wird versucht, das Bewusstsein auf jenen Sinn zu lenken, den das Dauerdröhnen der Großstadt gewissermaßen betäubt hat.
Im Editorial schreibt Peter Payer: "In zahlreichen wissenschaftlichen, künstlerischen und medialen Projekten wird dem Hören (in) der Stadt nachgeforscht, und auch Urbanistik, Architektur und Stadtplanung widmen sich in zunehmendem Maße unserer akustischen Umwelt."
Wie sich die mit dem Größerwerden der Stadt verändert hat, beschreibt Payer, Stadtforscher und Leiter des Sammlungsbereichs "Alltag und Umwelt" im Technischen Museum, etwa anhand historischer Beispiele: "Es war vor allem die rasant wachsende Zahl unterschiedlichster VerkehrsteilnehmerInnen – von den Fußgängern und Fuhrwerken, den Einspännern, Fiakern und Omnibussen über die Pferde-, Dampf- und Elektrotramways bis hin zu den Radfahrern, Motorrädern und Automobilen –, die die Straßen der Großstadt zum paradigmatischen Schau- und Hör-Platz der Moderne werden ließ."
Die Autorin Emmy von Dincklage stellte bereits 1879 fest, kein Zeitalter seit Erschaffung der Welt habe "soviel und so ungeheuerlichen Lärm gemacht wie das unsrige". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Antilärm-Vereine gegründet, auf die Kopfsteinpflaster der Straßen streute man Stroh, um Pferdehufgetrappel und den Lärm eisenbeschlagener Räder zu dämmen. Und – es wurden erste bauliche Lärmschutzmaßnahmen in Form "geräuschloser Pflaster" zum Einsatz gebracht.
Doch dérive befasst sich nicht nur mit dem unangenehmen Lärm, zu dem auch die musikalische Dauerberieselung von Aufzügen und Einkaufslandschaften gehört. Es wird auch auf den Tätigkeitsbereich von "Akustikdesignern" eingegangen, die etwa den Türen teurer Autos sattes Zuschnappen ankomponieren, und auf die "neue künstlerisch-wissenschaftliche Disziplin" der auditiven Architektur, die "Räume als klingende Objekte" versteht.
Künstler wie der französische Komponist und Klangdesigner Louis Dandrel entwerfen ganze Klanglandschaften, so genannte "Soundscapes" für laute oder leise Orte. In Hongkong beispielsweise machte er einen öffentlichen Platz zu einem "Garten der Töne", in Osaka flocht er einen akustischen "Garten der Stimmen" zwischen die Geräusche des Stadtalltags. "Die Klangarchitektur", so meint er, "hat ihren Ursprung im alltäglichen Raum, in der alltäglichen Zeit. Bevor sie die Kunst erreicht, durchquert sie das Lärmchaos. Und von dieser Architektur des Alltagslärms, der zwar spontan, aber nicht kontingent ist, lässt sich noch vieles lernen.
Das kann, wer dazu bereit ist, im Übrigen jeder. Wir empfehlen folgendes kleines Experiment: Nehmen Sie ein beliebiges Aufnahmegerät (MiniDisc, Walkman, was auch immer) in die Hand, setzen Sie Kopfhörer auf und bewegen Sie sich bei gedrücktem "Record-Knopf" durch Innen- und Außenräume, durch Kaffeehäuser, Stiegenhäuser, Ihre eigene Wohnung. Ihre Ohren werden staunen über das vielfältige Soundgeflecht, das durch die feine akustische Verstärkung plastisch gemacht wird.
Dass blinde Menschen für ihre Umwelt ein besonderes Hör-Sensorium entwickeln, ist bekannt. Ulrich Troyer lässt uns mit der bereits erwähnten CD "Sehen mit Ohren" einen hervorragenden akustischen Blick in die Welt von sechs Blinden tun, von dem auch Sehende lernen werden. Sie höre den Widerstand, wenn sie in einen Raum gehe, meint Kerstin Tischler etwa. Eine offene Tür sei "irgendwie so wie eine Art Magnet, wo du dann einfach hineingehen musst". Regen verwische die Klänge, sagt Josef Knoll. Und wichtig an einem Blindenstock, erklärt Musiker und Komponist Otto Lechner, sei nicht nur das Tasten, sondern auch das Geräusch, das er erzeuge: "Und das sich an den Hauswänden, oder egal, was einem da entgegenkommt, bricht oder nicht bricht. Oder wie es sich bricht." (Ute Woltron, ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.05.2007)