Träume vom Ende der Welt: Atombomben reißen den Planeten aus seiner Umlaufbahn oder lassen simultan alle Erdölquellen versiegen. Fantasien eines Regisseurs, der stets um sein destruktives Naturell wusste: Luis Buñuel hatte Freude am Zerstören. Charlie Chaplin staunte nicht schlecht, als Buñuel auf einer Weihnachtsfeier versuchte, den Christbaum auseinander zu reißen. Grund für den Vandalenakt: ein Schauspieler hatte ein patriotisches Gedicht vorgetragen.
Das war unerträglich für den Sohn einer gutbürgerlichen Familie aus Aragonien: Buñuel (1900-1983) besuchte die Jesuitenschule, wurde stark von strenger spanischer Katholikenmoral des frühen 20.Jahrhunderts geprägt: Mit 25 kam er nach Paris, die dortigen liberalen Sitten fand er obszön. Öffentliche Küsse waren befremdlich für einen, der nur zwei Wege zum Sex kennen durfte: Puff oder Ehe. Die ersten Jahre in Frankreich verbrachte Buñuel mit viel Kino (bis zu dreimal am Tag, Lieblingsfilm: Fritz Langs Der müde Tod) und fast exklusiv unter Spaniern: In Cafés und Bars am Montparnasse traf er Dichter und Maler, wie Salvador Dalí, den er bereits aus seiner Studentenresidenz in Madrid kannte. Die Surrealisten um André Breton interessierten Buñuel noch wenig, dabei hing er schon im selben Gedankenstrom: Das Irrationale sollte die Vernunft besiegen, Traum und Unterbewusstes die Gesellschaftsordnung und ihre Moralvorstellungen umwerfen. Die Wissenschaft und ihre Erkenntnisapparaturen waren ihm ein Graus.
Klerus aus dem Fenster: Süßer Skandal
Der andalusische Hund, das mit Dalí realisierte Debüt, war ungebremster Ausdruck dieser Weltsicht: Aus dem Moment heraus gebaut, nach einem Credo der Bedeutungslosigkeit, inspiriert von Träumen (Buñuels: die ikonische Vereinigung von Augapfel und Rasiermesser; Dalís: aus der Hand krabbelnde Ameisen). Der Avantgarde-Publikumserfolg führte zur Aufnahme Buñuels in Surrealisten-Zirkel. 1930 folgte Das goldene Zeitalter: Darin wird der Klerus aus dem Fenster geworfen. Der Film wurde einer der süßen Skandale, die sein Regisseur so ersehnte.
Bis zur letzten Produktion, Dieses obskure Objektder Begierde (1977) versetzte der Spanier Allmacht mit Ohnmacht, folgte dabei stets seinem persönlichen Ethos: Contra Bourgeoisie und institutionalisiertes Christentum, pro Widerspruch und Triebbild. Eine anständige Verdichtung seines unanständigen Werks ist unmöglich, seine Autorenhandschrift aber unverwechselbar – und wirkt heute noch radikaler als einst: Buñuel war bedingungsloser Genussmensch, in der lakonischen Autobiografie „Mein letzter Seufzer“ widmete er Seiten dem Lieblingsgetränk (Martini Dry), stillen Bars und geräuschvollen Cafés. Im gegenwärtigen Klima der Lustfeindlichkeit hat sein ?uvre fast außerirdischen Charme: „Wenn der Alkohol die Königin ist, ist der Tabak der König.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2008)
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