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  72  Der ganz normale Luxus Zum aktuellen Boom an Wiener Galerieneröffnungen Ruth Maurer  
   
   


Im Herbst 1999 entstanden im Einzugsgebiet der großen Wiener Kunstinstitutionen Secession, Kunsthalle, Generali Foundation und nicht zuletzt des zukünftigen Museumsquartiers zwei neue Galerienzentren, die mit Professionalität und Engagement versuchen, für den »ganz normalen Luxus« - wie es in einer aktuellen Ausstellung hieß - AbnehmerInnen zu finden.

Kunst und Geld sind ein ungleiches Paar und stets auf der Suche nach neuen Gründen, den gemeinsamen Haushalt zu rechtfertigen. Egal ob in Bezug auf den Mythos des Galeristen, wie er etwa die Namen Henry Kahnweiler oder Leo Castelli umgibt, oder in Bezug auf eine kritische Betrachtung der wechselseitigen Einflüsse und Bedingungen, wie sie von Konzept- und KontextkünstlerInnen veranlasst werden, - alle Anläufe, die Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit von Kunst und ökonomischen Interessen zu untersuchen, werden stets von Skepsis begleitet. Dass man Kunst auch kaufen kann, ist dabei längst noch kein allgemeiner Konsens - kann sich aber vielleicht mit dem selbstbewussten Auftreten neuer GaleristInnen ändern. »Quite Normal Luxury« ist nicht nur der Titel des in enger Zusammenarbeit mit BMW entwickelten Projektes von Swetlana Heger und Plamen Dejanov (Galerie Meyer Kainer), sondern könnte auch als Anstoß für die BesucherInnen der neuen Galerien im Palais Eschenbach und in der Schleifmühlgasse gedacht sein: Kunstbesitz als alltäglicher Luxus - jeder Autobesitz erfordert schließlich mehr Aufwand.
Sechs Galerien treten seit Ende vorigen Jahres an den beiden genannten Orten mit offensiver Geste auf, eine siebente (Galerie Gabi Senn, gemeinsam mit der im selben Haus untergebrachten Flat Mountain Press) folgt in Kürze. Bei gemeinsamen Vernissagen werden nicht nur Beiträge zur aktuellen Kunstdiskussion präsentiert, sondern auch die aufwändig renovierten Geschäftslokale - ein »symbolisches Kapital« (Martin Janda) -, deren Aura den BesucherInnen schmeicheln soll. Informations- und Geschäftsbereich sind meist voneinander getrennt, aber die Distanz zu den BesucherInnen wird so gering wie möglich gehalten. Die Betonung liegt auf Vermittlung und Produktion - bei Christine König steht sogar eine öffentlich zugängliche Bibliothek zur Verfügung - und rückt damit die Einrichtung Galerie ganz in die Nähe einer Institution, deren Medium jedoch in erster Linie die Ausstellung bleibt.
Der Termindruck, in Monatsabständen Ausstellungen zu realisieren, ist groß, aber die Flexibilität der Galerien erlaubt auch Programme, die über traditionelle Einzelpräsentationen hinausgehen: Christian Philipp Müller etwa war 1999 mit seiner Recherche »Eine Welt für sich« zu Gast im Freihausviertel bei Georg Kargl (siehe springerin 4/99), und anlässlich der politischen Situation in Österreich lädt Martin Janda zur Reflexion über rechtspopulistische Systeme (»Wider Bild Gegen Wart«, ab 16. März im Raum aktueller Kunst, Eschenbachgasse 11).
Meyer Kainer (Eschenbachgasse 9) vertreten eine referentielle Kunst, die ein Kontextverständnis voraussetzt, jedoch keineswegs auf künstlerische Visualisierungen verzichtet. Im Vorwort zum Katalog »Sharawadgi« (Baden/Köln 1999) charakterisiert Christian Meyer sein Interesse, das nicht »abgeschlossenen Entitäten« gilt, sondern »kulturellen Produkten, die nur in einem komplexen Bezugssystem verschiedener Sphären vorstellbar sind«. Konzept und Kontext bestimmen demnach auch das Spektrum des Galerieprogramms.
Der Schwerpunkt bei Krobath Wimmer (Eschenbachgasse 9) liegt auf der Förderung eigener Produktionen - etwa in einer aus wenigen Text- und Objektteilen bestehende Installation von Anita Leisz zur Eröffnung der Galerie oder Dorit Margreiters persönliche Auseinandersetzung mit dem Genre Soap Opera (siehe springerin 4/99). Die Scheu vor lange Zeit als unverkäuflich geltenden Installationen existiert nicht mehr, selbst wenn sie auf den ersten Blick so sperrig scheinen wie Jimmie Durhams zertrümmerte Einrichtungsgegenstände in der Galerie König. Die konsequente Parodie des Künstlers auf das Konsumdiktat und die Ethnografie bestimmt den Wert der Arbeit (Galerie König, Schleifmühlgasse 1a).
Neu auf dem Markt ist Kerstin Engholm (Schleifmühlgasse 3), deren Programm mit Lois Renner, Constanze Ruhm und Daniel Pflumm angelaufen ist. Ihre guten Beziehungen zu London und New York wird dem Aufspüren wegweisender internationaler Strömungen für die Zukunft sicherlich förderlich sein. Aber die beständige Suche nach neuer, junger Kunst ist allgemeiner Tenor: Auch Georg Kargl (Schleifmühlgasse 5) durchsetzt sein sehr profiliertes und arriviertes Programm zwischen gestischer Malerei und konzeptueller Kunst mit jungen Positionen wie Herbert Hinteregger oder Gabi Trinkaus beziehunsgweise Gruppenausstellungen, in denen Bekanntes und Unbekanntes alternieren.
Im ersten Bezirk arbeitet die Galerie T19 (Tuchlauben 19) seit Oktober 1998 mit zum Teil in Österreich völlig unbekannten KünstlerInnen. Dass ihr Programm auf dem österreichischen Markt dennoch erfolgreich eingeführt wurde, liegt an der Souveränität, mit der sich die Galeristinnen Alexandra Grubeck und Monika Palzinsky in internationalen Szenen bewegen, ihre Auswahl treffen und Kooperationen eingehen. Die im Konzept anvisierte Instabilität von »On The Bubble« etwa - eine Kooperation mit dem Herausgeber der italienischen Kunstzeitschrift »Cross«., Luca Cerizza - wurde nicht nur vor Ort subtil umgesetzt, sondern auch im begleitenden Katalog, der die fragilen Gesten von Simone Berti, Stefania Galegati und Italo Zuffi festhält.
Mitten in der Mariahilferstraße führte Karin Handlbauer den Ausstellungsraum mezzanin (Mariahilferstraße 74a) zwei Jahre lang als nicht-kommerzielle Galerie, zeigte cirka 70 zumeist unbekannte KünstlerInnen und bot ihnen damit oft die erste Ausstellungsmöglichkeit. Vor kurzem wurde das mezzanin in eine Galerie umgewidmet. Die Konzentration liegt weiterhin auf österreichischen KünstlerInnen der jüngsten Generation, was den Ruf der Galerie als Junge-Szene-Ort und Anlaufstelle für Studierende der Kunstuniversitäten noch länger wahren wird, das Programm soll jedoch auch international erweitert werden.

 
     

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