Villa Tugendhat in Brünn: Restaurierung und Nutzung
Wandel zum Weltkulturerbe
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
1929 bis 1930 hat Ludwig Mies van der Rohe für das Ehepaar
Tugendhat in der aufstrebenden Industriemetropole Brünn das
Einfamilienhaus entworfen, das wohl den größten Einfluss auf
Architekturaufgaben dieser Art bis heute ausübt. Es kann als das
Schlüsselwerk des Architekten und der klassischen Moderne überhaupt
bezeichnet werden. Jedes Möbel, jeder Vorhang ist extra vor Ort gemeinsam
mit Lilly Reich konzipiert worden. Die Familie Tugendhat ist nach nur
acht Jahren Nutzung mit einigen Möbelstücken über die Schweiz nach
Venezuela vor den Nationalsozialisten geflohen und setzt sich nun für eine
originalgetreue Restaurierung, öffentlichen Zugang und lebendige Nutzung
ein. In einem Presse- und Publikumsgespräch wurde im MAK eine
Diskussion nach einem Symposium im Jahr 2000 in Brünn weitergeführt, die
auf beide wesentlichen Fragen im Fall dieses Weltkulturerbes der UNESCO
eingeht. Beteiligt daran: Der ehemalige Direktor des Hauses der Kunst
in Brünn, Pavel Liska, Daniela Hammer-Tugendhat, Kunsthistorikerin und
Autorin des monografischen Werkes über die Villa ihrer Eltern, Ivo Hammer
als Kunsthistoriker und vor allem als Restaurator, der Architekt Jan Sapák
aus Brünn, der sich an einem Wettbewerb in Kürze beteiligen wird, und
Peter Noever. Der Titel des Gesprächs "Weltkulturerbe in Gefahr" bezog
sich mehr auf eine drohende Totrestaurierung des ohnehin schon
geschrumpften Originalbestands: Die Villa war nach 1938 von der Firma
Messerschmidt genutzt worden, danach Kommandozentrale, die Rote Armee
benützte sie als Pferdestall, die kommunistische Ära als Tanzschule und
Kinderspital. Vor 20 Jahren eher unglücklich renoviert, ist der Baubestand
zwar zu 90 Prozent erhalten, jedoch wurden Boden, Glasscheiben, Möbel,
Waschbecken, Anstrich usw. geändert oder sind verschwunden; es gibt
Wasserschäden, Rost und die Terrasse rutscht ab. Da die Möbel noch zum
Teil in Familienbesitz und in Museen erhalten sind, könnte mit sensibler
Restaurierung viel Positives erreicht werden. Eine vor zwei Jahren
gegründete Stiftung Villa Tugendhat befürchtet eine ähnliche Vorgangsweise
wie im Fall des Hauses Müller von Loos in Prag: Teure und schlechte
Sanierung, fehlende Lebendigkeit als "Hausmuseum" und rein kommerzielle
Nutzung. Die Zukunft wird auch die Diskussion nach Brünn
zurückverlagern, wenn die Wettbewerbe ausgeschrieben sind bzw. eine
Entscheidung gefallen ist. Bleibt zu hoffen, dass es im Sinne dieser Ikone
des Neoplastizismus passiert - und auch der wenigstens geistig
verantwortlichen Erbin Daniela Hammer-Tugendhat.
Erschienen am: 03.10.2002 |
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