Salzburger Nachrichten am 28. Juli 2006 - Bereich: Kultur
"Mozart ist mir zu witzig"

Christoph Schlingensief erlebt die Festspielzeit und nutzt "das Trallala" zur Inspiration. Dabei siegt Wagner über Mozart, sagt er im SN-Interview.

BERNHARD FLIEHER SALZBURG (SN). Christoph Schlingensief hat einen idealen Platz gefunden. Über den Dächern der Stadt arbeitet er daran, "Mozart und Wagner zu kreuzen". Oben auf dem Mönchsberg ist die Luft reiner, der Blick freier als unten. "Das ganze Ballaballa und Getöse verschwindet hier oben", sagt Schlingensief. Gerade das Ballaballa und Getöse um Festspiele und Mozartjahr, um die an jeder Ecke käufliche Schönheit der Stadt aber beschäftigen ihn.

Im Museum der Moderne werken Schlingensief und sein Team an ihrer "Animatographischen Installation". Im Rahmen der Ausstellung "kunst auf der bühne. les grands spectacles II" wird das Abenteuer mit dem Titel "Chickenballs. Der Hodenpark" erlebbar, begehbar, hörbar und spürbar werden. Der Titel fetzt. Ab Samstag werden Karajan vor dem Herztod, Hitler beim Festspielbesuch und allerhand anderes zu sehen sein, was unten in der Stadt zur lebenserhaltenden Tradition gehört.

Der Hodensack des Wunderkinds Salzburg, Wunderkind, Mozartkugel, Balls (engl. Slang für Hoden), Eier (dt. Slang für Hoden), der Gral, die Zellteilung - das packt der 46-Jährige nicht nur in einen Satz, sondern daraus baut er seinen Salzburg-Animatographen. Solche Weltmaschinen für Gedankenexperimente gab es schon in Afrika, auf einem Militärflugplatz oder im Burgtheater. Eine der nächsten Stationen ist London. Dort geht es dann um Lady Dis letzte Stunden.

Nach einigen Vorbereitungsbesuchen arbeitet Schlingensief seit acht Tagen in Salzburg. Hier wurde er vor acht Jahren rausgeschmissen. Bürgermeister Josef Dechant drohte, falls Schlingensief kommen sollte, der Sommerszene, Subventionen zu verweigern. Die Szene gab klein bei. Schlingensief ging an den Wolfgangsee baden und wurde dort von der Kripo erwartet. Immerhin hatte er gedroht, alle sechs Millionen deutschen Arbeitslosen zum Schwimmen mitzubringen, damit der See übergehe und das Ferienhaus des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl versinke. Dieser tagesaktuelle Aktionismus ist ihm mittlerweile fremd. Das Image des Provokateurs bleibt.

Auch dieses Mal traf er in Salzburg die Polizei. Als er ankam, landete er dank fehlerhafter GPS-Information auf dem neuen Asphalt vor dem Festspielhaus. Ein Polizist erkannte ihn. Es kam leichte Panik auf. Was er denn hier vorhabe und wie er denn da her komme, wollte man wissen. Erst der zufällig vorbeikommende Schauspielchef Martin Kušej rettete Schlingensief. "Muss wohl so sein hier", sagt Schlingensief. "Einer, der von den Proben aus Bayreuth kommt und sich schon dort an den Kopf greift, der fragt sich hier gleich gar nichts mehr", sagt er über die Eindrücke der Stadt in der Hochsaison. "Mehr Trallalla und Andenkenläden als hier kann man sich ja gar nicht vorstellen. Gegen hier ist Bayreuth ja cool."

Seit er in Salzburg ist, trägt er wie schon bei früheren Animatographen zusammen, was herumliegt, aber selten eingeordnet wird. Auf den ersten Blick entsteht ein wüstes Bild aus Wunderkinder-Mozart beim Onanieren, Eindrücken von Siemens-Festspielnächten und Trachtenlook-Beobachtungen. Die Installation im Museum der Moderne wird kein "fertiges Ergebnis sein, wo einer sagt: Jetzt schau dir an, was ich geschaffen habe." Was hängen bleibt, wird davon abhängen, wie viel Zeit investiert wird, mit welcher Intensität man sich in den ausufernden Ideenpark stürzt. Mozart spielt freilich eine zentrale Rolle. Dieser sei ihm schon als Kind beim Klavierlernen ausgetrieben worden. Der Wunderkind-Faktor sei ihm suspekt. Umso mehr schätze er die Dramatik Richard Wagners. "Seine mystischen Abgründe sind mir sehr nahe." Wagner sei Verunglückter und ein Verunglücker. Das mache den Reiz aus. "Mozart ist mir zu witzig", sagt er und freut sich, dass "der aktuelle Figaro zumindest ein wenig das Düstere hervorholt".

Bayreuth-Engagement brachte mehr Freiheit Die intensive Beschäftigung mit Wagner rührt vom Engagement, in Bayreuth den "Parsifal" zu inszenieren. Das war 2004. Die Reaktionen auf diese Arbeit, die heuer in der dritten Saison läuft, machten Schlingensief "freier". Mittlerweile gibt es Kunstsammler, die Werke haben wollen oder sich finanziell an Projekten beteiligen. "Das bedeutet: freier arbeiten und freier denken." Er hat Zeit. "Früher wollte ich immer gleich wieder auf Sendung sein, kaum dass eine Aktion vorbei war."

Seine Animatographen sind eine üppige Dauersendung zwischen Hochkultur und Trash, Pop und Klassik, zwischen Nachdenklichkeit und Oberflächenbefriedigung geworden. Spiegelt die Anhäufung von Bildern, die Überlagerung verschiedener Kunstformen, die da zu erleben sind, auch eine Welt, die wegen ihrer Schnelligkeit und ihres Informationsüberschusses immer unübersichtlich zu werden droht? Das könne gut sein, sagt Schlingensief, um dann der Arbeit auf persönliche Art einen Sinn zu geben. "Ich sitze dann irgendwann am Ende im Rollstuhl und kreise durch einen der Animatographen. Ich kann nichts sehen, höre aber die Musik und denke mir die Bilder dazu, die ich da reingestellt habe. Aber längst hat diese Bilder einer ausgetauscht, und der sagt dann: ,Da ist jetzt ein Huhn zu sehen.' Und ich sage dann: ,Nein, da war ein Schwanz.' Und das verbindende Element ist dann das Ei. Das ist doch ein gutes Ende?!"