Der Erfinder von Formen
Tony Cragg. Der britische, in Deutschland lebende Bildhauer, hat scheinbar nutzlose, fantasievolle Gebilde erfunden.
Hedwig Kainberger Salzburg (SN). „Wir Menschen haben eine unheimliche Fähigkeit, Gesichter zu lesen“, sagt der Bildhauer Tony Cragg. Am Taint der Haut, am Glanz der Augen, am Verlauf winzigster Falten, an Größe und Form von Nase und Ohren oder an der Weichheit der Lippen folgern wir auf Charakter, Gesundheit und Laune unseres Gegenübers. Doch an anderem Material – sei es Holz, Kunststoff oder Metall – gehen wir meist acht- und respektlos vorüber. Wie auch solches Material für Betrachter interessant, ja, sogar „bebend“ werden kann, ist eines von Tony Craggs Anliegen als Bildhauer.
Wie ihm das gelingt, ist ab morgen, Samstag, im Salzburger Museum der Moderne auf dem Mönchsberg zu erleben. In der Ausstellung, die Tony Cragg in Anlehnung an einen von Karl Marx geprägten Begriff „Second Nature“ (Zweite Natur) betitelt hat, wird bis 11. Oktober das Werk jenes Künstlers vorgestellt, der im Vorjahr im Auftrag der Salzburg Foundation für den Makartplatz die „Caldera“ geschaffen hat.
Um eine „Zweite Natur“, also die vom Menschen geschaffene Umgebung, zu gestalten oder besser: zu erfinden, lässt sich Tony Cragg von anderen Formen inspirieren, etwa aus der Natur, wie Wasserblasen, Moleküle oder Chromosomen (bevor er Künstler wurde, arbeitete er als Labortechniker). Aus solchen natürlichen Formen entwickelt er seit Ende der 1980er-Jahre Skulpturen, die er „Early forms“ („Frühformen“) nennt.
In einer anderen Methode zur Erfindung von Formen warf Tony Cragg in Schleifen geformte Seile in die Luft. Die dabei sichtbar werdenden Gebilde und der materialisierte Schwung sind in manchen Zeichnungen, die das Museum auf dem Mönchsberg zeigt, oder in der dynamischen Kraft seiner Skulpturen zu erkennen.
Weiterer Ausgangspunkt für seine Formsuche sind menschliche Figuren, insbesondere die Wirbelsäule und Köpfe. Wie man sich da die Erfindung neuer Formen vorzustellen hat, schilderte Tony Cragg am Donnerstag vor Journalisten: Man stelle sich vor einen Spiegel und quetsche eine Wange, runzle dabei die Stirn oder ziehe ein Ohr lang. Zuerst sehe dies ulkig aus. Doch wenn man diese Verzerrung der Kopfform an leblosem Material weitermacht, führt dies in die Abstraktion. An einer Skulptur wie „Incident“ oder „Portrait“ lassen sich zwar noch Profile eines Kopfes erkennen, doch eigentlich ist eine fantastische, hypernatürliche Form daraus geworden.
„Was ich mache, ist Denken in Material“, sagt Tony Cragg über seine Kunst. Und: „Ich bin ein radikaler Materialist.“ Er wolle „dem Material Freiraum geben“ und Formen suchen und erfinden, die sich vom strengen Nutzenstreben, vom bedingungslosen Utilitarismus des Alltags loslösten.
Wer sich auf seine Skulpturen einlässt, kommt in Bewegung: Wer sie betrachtet, beginnt zu gehen: rundherum, um an jeder Stelle andere Schwünge, andere Formen zu sehen. Angeregt wird auch die Fantasie von diesen wunderbar fließenden und zugleich stehenden, stillen und zugleich dynamischen, glatten und zugleich an den Oberflächen raffiniert gestalteten Gebilden. Diese fügen sich als „Zweite Natur“ wunderbar ein in die kühlen, weiß-grauen Museumsräume, die immer wieder den Blick in die pralle „Erste Natur“ draußen freigeben.Tony Cragg: Second Nature, Museum der Moderne auf dem Mönchsberg, bis 11. Okt., Di–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr. www.museumdermoderne.at




















