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Quer durch Galerien

Bananen haben keine Gräten

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Unter einer handelsüblich unspektakulären Plastikfolie, da sitzt doch glatt der Erwin Wurm (womöglich wurde er auch noch unter Schutzatmosphäre verpackt) und hat dabei nicht ein-
mal durchschnupfsichere Schwammerln in den Nasenlöchern. Oder nimmt eine Banane oder wenigstens ein Essiggurkerl in den Schwitzkasten, was ja das mindeste wäre. Er fordert auch nicht die "prästabilierte Harmonie" heraus (bitte wen?), indem er mit den Pobacken auf zwei Orangen balanciert, eine akrobatisch philosophische Leibesübung, die irgendwo zwischen aktivem Sitzen und der Herstellung von Orangensaft angesiedelt ist.
Ja, er gibt nicht einmal zu, dass er es ist: er, der Wurm, der Meister der Ein-Minuten-Skulpturen. Auf der Preisliste steht "Mann mit grünem Hemd". (Obige "One Minute Sculptures" hab' ich mir übrigens erlaubt zu erfinden - frei nach Wurm.) Vielleicht denkt er aber eh gerade an Spinoza oder eine Cremeschnitte (wohlgemerkt: nur eine Minute lang). Aber egal, um den Wurm geht's nämlich gar nicht. Den hat es halt einfach, wie andere auch, unter die Plastikfolie von Sébastien de Ganay verschlagen. Genauer gesagt: Seine gemalte Version ist drunter. Und der Verdacht liegt nahe, dass eine straff übers Ölbild gespannte Plastikfolie tatsächlich praktischer ist als eine Firnisschicht. Weil mit einem Wettex abwischbar. De Ganay (bis 27. Juni bei Steinek, Himmelpfortgasse 22) kommt der Mentalität des Verpackungszeitalters also konsequent entgegen. Obendrein "grundiert" er seine Leinwände mit üppig gefaltetem Plastik.
Und der Wurm zum Beispiel ist zwischen das Plastik geklemmt wie das letzte einsame Frankfurter Würschtel einer Viererpackung, kurz: ohne Ambiente. Denn de Ganay lässt das Drumherum weg und die abstrakte Leere wirken (ziemlich reizvoll). Zieht dem Wurm quasi die Wohnung unterm Hintern weg. Freilich nicht den Sessel. Was die Schwerkraft zusammengeführt hat (nämlich Stuhl und Gesäß), das soll der Mensch ja nicht trennen.
Selbst wenn an Peter Reischel nicht das milde stimmende Etikett "psychiatrieerfahrener Künstler" hinge, es würde mir beim besten Willen nicht gelingen, ihn zu verreißen. Dazu ist er ein zu brillanter Zeichner. Ich denke da besonders an seine suggestiv alptraumhafte Kriegsvision. Und mit Gerald Zaruba und seinen interaktiven Holztüren (man kann sie definitiv öffnen) geht es mir ähnlich. 15 "masters of disasters" zeigen noch bis 13. Juni in der Galerie am Park (Liniengasse 2a), was sie also "trotzdem" können. Ein gewisser Krups versucht gar in einem offensiv makabren Comic, mit dem Wahnsinn kurzen Prozess zu machen. Doch nicht einmal zwei Gnadenschüsse führen zu einem zufriedenstellend endgültigen Ergebnis. Also greift er zur Pfanne seiner Tante Ruth . . .
Liebenswert satt, ergo: charmant adipös sind sie: die "Pippas" aus Papiermaché von Aurelia Favre (bis 18. Juni in der Fichtegasse 1). Und so "sesshaft", dass die Beine, die sie eh nicht haben, ja sowieso redundant wären. Bananen haben ja auch keine Gräten. Einen Ikea-Katalog hat Favre etwa in einer dieser herzhaft phlegmatischen Damen zur letzten Ruhe gebettet. Und auch ich, die ich dem sehr physischen Charme dieses Matriarchats erlegen bin, würde mir für meine Artikelchen solches wünschen. Damit sie aufatmen können ("Endlich im Nirwana!") und sich den Leidensweg, irgendwann als Toilettenpapier wiedergeboren zu werden, ersparen.

Erschienen am: 06.06.2003

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