"Der Wolfgang auf der Ziehharmonika"

Versucht die Regierung, Volkskultur zu instrumentalisieren? Ministerin Gehrer widerspricht.
Von Simon Hadler.


Wolfgang Schüssel auf der Ziehharmonika, Wilhelm Molterer auf der Gitarre und Elisabeth Gehrer auf der Querflöte: "Treu sein, beinander bleiben" intonieren alle gemeinsam - atonal, dissonant, aus dem Takt - aber hörbar bewegt. "Unsere geheime Wahlkampfhymne", scherzt der spätere Kanzler. Ein früher Abgesang auf die Kulturpolitik der großen Koalition, meinen andere - und werfen der so genannten "Wenderegierung" die Instrumentalisierung österreichischer Volkskultur vor.

"Kärnt'n is lei ans"

Tatsächlich scheinen sich manche Politiker in Österreich seit Februar dieses Jahres verstärkt der Volkskultur zuzuwenden. In der Steiermark etwa gewann die ÖVP mit Waltraud Klasnic "im Dirndl", bzw. beim Schauwandern fast der gesamten Regierung in modischen Knickerbockern die Landtagswahlen. Immer öfter präsentieren sich ranghohe Politiker der Öffentlichkeit in Trachten. Nicht zu vergessen der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider mit seiner volkstümlichen CD "Kärnt'n is lei ans".

Heimatliebe und Abgrenzung

Am Institut für Europäische Ethnologie der Uni Wien seufzt man ob des Images, das mit volkstümlicher Kultur in Österreich - oft fälschlicherweise - transportiert wird. Am Beispiel Sprache erläutert der Volkskundler Konrad Köstlin in einem Artikel, was für Volkskultur im allgemeinen gelten kann: Dass regionale Ausdrucksformen "nicht mehr unbehelligt existieren, sondern zum symbolischen Kapital für nationale Identität werden. Dabei werden sie angefüllt mit Deutungen der Wärme, des Heimatlichen, der Nähe und des abgrenzbaren Eigenen."

Volkskultur als Abgrenzung gegenüber dem - politisch wie national - Anderen. Kulturministerin Elisabeth Gehrer will die verstärkte Betonung regionaler Eigenheiten allerdings eher als Chance verstanden wissen, die "kulturelle Vielfalt in Europa zu erhalten", wie sie im Interview versichert.

Von der Hoch- zur Volkskultur

"In den vergangenen Jahren ist vor allem Hochkultur gefördert worden: Theater, Museen, große Ausstellungen. Wir wollten einmal zeigen, dass viele Menschen - 70.000 - sich äußerst erfolgreich im Volksmusikbereich betätigen." Gehrer beschreibt nichts anderes als eine neue Schwerpunktsetzung in der staatlichen Kulturförderung nach der politischen Wende.

Das Ministerium finanziert nun einen "Forschungsschwerpunkt Volkskultur", fördert verstärkt bundesweite Initiativen wie etwa das Österreichische Volksliedwerk, plant im Internet ein "Infonetz für Volkskultur" und stiftet einen Preis für Volkskultur.

Kultur, kein Mittel zum PR-Zweck?

Die Ministerin mit Hang zum Rustikalen will von politischer Vereinnahmung traditioneller österreichischer Kultur trotzdem nichts wissen. Es wäre nicht in Ordnung, so sagt sie, wenn man Kultur für PR-Zwecke missbrauche. Außerdem könne sie sich persönlich für klassische Musik mindestens genauso begeistern wie für Volksmusik.

Das Liederbuch mit Volksweisen und Schlagern sei ebenfalls nicht wahltaktisches Kalkül gewesen, sondern aus praktischer Notwendigkeit heraus entstanden: "Die Grundidee war, dass man gerne am Lagerfeuer oder auf einer Hütte sitzt und Lieder singt. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass einem oft die Texte fehlen. Deswegen haben wir beschlossen, ein Liederbuch zu machen, wo Texte und Gitarrennoten drin sind."

Dass bei der Präsentation des Buches voller persönlicher Einsatz gefragt war, versteht sich von selbst, meint Gehrer: "Deshalb habe ich mir ein paar Lieder auf der Querflöte eingelernt, der Wolfgang auf der Ziehharmonika und der Willi Molterer auf der Gitarre und wir haben gemeinsam gespielt. Das war eine Volkskultur, wie sie in Österreich oft gepflegt wird."

Folkloristische Erinnerungen

Die ministeriellen Augen beginnen jedenfalls zu glänzen, wenn Gehrer in ihrer persönlichen Erinnerungskiste kramt: "Ich habe es im Zillertal selbst erlebt, dass bei einem Abend im Gasthaus einer eine Bauernharfe oder eine Ziehharmonika herausgeholt und gespielt hat. Volksmusik ist als spontaner Ausdruck einer Gemütslage ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur."

Ob Volkskultur in Österreich nun als politischer PR-Gag missbraucht wird oder nicht, sei dahingestellt. Die Regierungsmitglieder fühlen sich jedenfalls im bodenständigen Outfit sichtlich wohl. Und das offizielle Erscheinungsbild Österreichs folklorisiert sich mit ihnen.

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