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05.10.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Klassenkampf der Handschuhe, Militäraktionen als Poesie
Der Kunstraum Niederösterreich holt von Berlin nach Wien, was Raimar Stange ins Konzept passt - "Klartext".

Statt das erwartbare Gebet der abstrakten, gegenständlichen, grellen oder grafischen Kunst aus Niederösterreich, Amen, herunterzuratschen, hat sich die Leiterin des vor einem Jahr eröffneten "Kunstraums NÖ$!R", Christiane Krejs, mit ihrem Team weise zum antifolkloristischen Weitblick entschlossen: Nach Kunst aus Prag wird im einschlägig blau-gelben Palais in der Herrengasse jetzt Kunst aus Berlin in den Focus gezogen.

Wobei man sich netterweise nicht nur auf die eigenen touristischen Blickwinkel verließ, sondern mit dem in Berlin ansässigen Kunstpublizisten Raimar Stange ("Art at the Turn of the Millennium") gleich einen Lokalmatador für die Auswahl engagierte. Und statt dafür zu sorgen, dass Berlin eben auch in Wien zum Klischee der hysterisch boomenden Jungstar-Metropole verkommt, hat Stange sich bewusst gegen reines Namedropping entschieden - dafür für "Klartext", so das Thema der Gruppenschau.

Die Konzentration auf Schrift und Sprache muss sich Stange nahezu aufgedrängt haben, als er sich mit den beiden Künstlern beschäftigte, die am Anfang des Projekts standen: die beiden in Berlin lebenden und - ja, jetzt kommt doch noch der Landesbezug - in Niederösterreich geborenen Künstler Stefan Schuster und Gernot Wieland.

Sammeln, ordnen, archivieren spielt bei beiden eine Rolle: Von Wieland stammt die Erinnerung an einen Traum, den er in Form gefilmter Zeichnungen wieder heraufbeschwört. Die Traumobjekte stellt er daneben wie Kinderspielzeug in ein Regal.

Schuster dagegen zeigt sich in seiner abstrakten, sich durch die Räume ziehenden Wandmalerei reduzierter, lässt mit seinen Collagen aus sich kreuzenden Satzbahnen auf sonst leerem Papier sogar fast eine Art Retrogefühl der "Konkreten Poesie" der späten Wiener Fünfzigerjahre aufkommen.

Trotz dieser zwei jüngeren Positionen verfiel Stange nicht gleich dem herrschenden Jugendwahn: Er arrangierte rundherum sowohl um einiges mehr und weniger bekannte als auch um einiges ältere in Berlin gemeldete Künstler. Insgesamt drei Generation, sieben Nationalitäten und mehrere Unterthemen umfasst so diese kompakte Ausstellung, die trotzdem nicht nur konsumierbar und einleuchtend ist, sondern zum Teil auch kritisch-politisch: Etwa Asta Grötings Klassendialog eines Arbeiterhandschuhs und eines Skifäustlings, Carla Åhlanders Soziologinnen-Interview über Macht und Raum oder Olaf Nicolais pure Namenslisten von US-Militäraktionen, die sich derart ausgesetzt wiederum zu konkreter Poesie verwandeln.

Graffitis dürfen in einer Berlin-Ausstellung trotz aller Klischee-Panik nicht fehlen, anonyme sowie namhafte (Alexander Wolff). Den unterschiedlichen Umgang mit der Signatur zeigt aber vor allem eine Konfrontation: Während der verstorbene Michel Majerus seinen Namen noch so knallig wie ein Pop-Platten-Cover gestaltete, pisst Jonathan Monk den seinigen einfach in den Sand. So weit, so Klartext. sp

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