Bregenz
(VN-ag) Künstlerischer Eigensinn von puristisch bis
prall, von anklagend bis verwundert: waren Keller und Obergeschoss
des Künstlerhauses jemals so weit voneinander entfernt? In der
aktuellen Schau von Michel Verjux, Jesus Palomino und Barthélémy
Toguo liegen in der Unterschiedlichkeit des künstlerischen Ansatzes
ganze Welten dazwischen, und nicht nur Treppen.
In den lyrischen Titel "Die Bewegung des Wassers im
Flussbett" kleidet sich die Lichtinstallation von Michel Verjux
(geboren 1956, lebt in Paris) im Keller. In Vorarlberg durch seine
Lichtarbeit am Hohenemser Feuerwehrhaus bekannt, bezieht sich Verjux
einmal mehr auf die vorgefundene Raumsituation, positioniert starke
Scheinwerfer am Boden und schafft aus einer puristischen
Instrumentierung ein sinnliches Raumerlebnis. In den grellen, auf
die Eingänge gerichteten Lichtkegeln wird nicht nur der Raum neu
erfahren und völlig schnörkellos interpretiert.
Das Licht wird jenseits der Immaterialität in seiner ganzen
Ambivalenz auch als physische Qualität wahrgenommen. Die Veränderung
und das Bleibende, das Fließende und der Fluss sind die beiden Pole,
zwischen denen sich Verjux' Werk in den Dimensionen von Zeit, Raum
und Bewegung aufbaut.
Weltweite Schräglage
Vor Ort ist auch die Installation "Idon't want to go
higher, Iwant to go to the other side" von Jesus Palomino
entstanden.
In Sevilla beheimatet, derzeit im Rahmen eines Stipendiums in
Amsterdam tätig, wagt Palomino einen Blick auf die andere Seite, an
den Rand der Gesellschaft. Ethische Aspekte implizierend kreist sein
Werk nicht selbstreferentiell um Farben oder Formen. Die westliche
Konsumgesellschaft und ihre ökonomische Sicherheit im Rücken,
demonstriert er die "weltweite Schräglage". Seine Staffage aus zwei
aufeinander geschichteten Sperrholz-Autos, auf Getränkekisten
aufgebockt und notdürftig mit einem Dach aus Plastiktüten und Planen
versehen, stellt unvermittelt die Frage nach den Menschen, die im
Schutze einer solchen Konstruktion irgendwo leben.
"Apocalyptic Dance"
Einen ganzen großartigen Kosmos, ein Gesamtwerk, das
berührt und gefangen nimmt, bereitet der aus Kamerun stammende, in
Paris und Düsseldorf lebende Barthélémy Toguo im ersten Stock aus.
"Apocalyptic Dance" nennt sich der medial-thematische Mix aus Video,
Malerei (die Aquarelle gehören mit zum Schönsten, was man in diese
Richtung seit langem gesehen hat) und Installation, aus Politik und
Emotion.
Absolut ohne Berührungsängste, chamäleonartig, nimmt sich der
Künstler den Dingen des ganz normalen Lebens an, der Liebe und den
Leiden. Schon im nächsten Moment bearbeitet er auch politische
Themen, wie die Folter in der Türkei oder die westliche
Einwanderungspolitik. Nicht jammernd und anklagend, vielmehr
verwundert hält er fest, dass Verpackungen problemloser reisen als
Menschen, wenn er die gesamte Bodenfläche mit buntem
Verpackungsmaterial auslegt. Frisch und unverkrampft bringt er Musik
von Bach und einen afrikanischen Chor zusammen und lässt unsere
Gedanken tanzen.
Arbeiten von Barthélémy Toguo und Jesus Palomino.
(Fotos: A.Grabher)