23.07.2003 18:33
Das Kreuz mit der Kunst
Der
Richter befand auf Blasphemie: Strafe für provokative Kunst in Polen - Foto
Warschau/Danzig - "Skandalös. Das erinnert an die Ereignisse von
1933." Dorota Monkiewicz, Kuratorin des polnischen Nationalmuseums und Leiterin
der Stiftung für Moderne Kunst, zieht Parallelen zu Bücherverbrennungen und
Zerstörung von Kunst durch die Nationalsozialisten, wenn sie den Umgang der
polnischen Justiz mit der jungen Künstlerin Dorota Nieznalska sieht. Das
Bezirksgerichtim nordpolnischen Danzig hatte die Künstlerin am vergangenen
Freitag wegen der Verletzung religiöser Gefühle verurteilt: Nieznalska hatte ein
Kreuz mit dem Foto eines Penis überzogen - als Kritik an Männlichkeit.
In
den kommenden sechs Monaten soll die Künstlerin wöchentlich 20 Stunden
gemeinnützige Arbeit leisten, ihr Pass wurde eingezogen, sie darf das Land nicht
verlassen. Es ist das erste Mal, dass provokative Kunst in Polen bestraft wird.
Nieznalska steht immer noch unter Schock.
Die Frage der Kunst schien
zweitrangig für den Prozess, den Mitglieder der rechtsnationalen Partei "Liga
polnischer Familien" (LPR) gegen Nieznalska anstrengten, nachdem sie sich eher
zufällig in die Danziger Galerie verirrt hatten, in der Passion etwa ein Jahr
lang ausgestellt war, ohne einen Skandal hervorzurufen.
"Zweifellos ist
das Kreuz, auch das in der Installation verwendete Kreuz, Gegenstand religiösen
Kultes", sagte der Danziger Richter Tomasz Zielinski in seiner
Urteilsbegründung. "Es besteht kein Zweifel, dass das Kreuz verunglimpft wurde."
Mit ihrer Installation habe Nieznalska absichtlich religiöse Gefühle verletzen
wollen. Die Staatsanwaltschaft hatte lediglich eine Geldbuße von 2000 Zloty (470
Euro) gefordert. Umso größer war Nieznalskas Schock über das Urteil, das noch
nicht rechtskräftig ist. Die Verteidigung legt Berufung gegen die Entscheidung
des Gerichtes ein.
Das Gericht habe nicht nur mangelndes
Einfühlungsvermögen in Kunst gezeigt, sondern mit diesem Urteil gegen
internationale Normen verstoßen, kommentierte die linksliberale Zeitung Gazeta
Wyborcza. Schließlich habe das Menschenrechtstribunal in Straßburg Blasphemie in
der Kunst für statthaft erklärt. Die polnische Sektion der Internationalen
Gesellschaft der Kunstkritiker bereitet derzeit einen Protestbrief vor, und in
einem in der Zeitung Zycie Warszawy veröffentlichten Appell an die polnischen
Künstler wird zum Protest gegen das "schändliche Urteil" aufgerufen: "Dieses
Urteil zieht uns nicht nur ins Mittelalter, es nimmt uns allen die Freiheit des
Denkens und Schaffens." (APA, dpa / DER STANDARD, Printausgabe,
24.7.2003)