Kunst ist Behauptungssache

Marcus Geiger im Gespräch über Objekte, Banalität und künstlerische Umgebungen.


Marcus Geiger, gebürtiger Schweizer, der seit seinem Studium an der Bildenden Akademie in Wien lebt, verblüfft immer wieder durch seine irritierenden Interventionen im künstlerischen Raum. Legendär war die von ihm konzipierte rote Übermalung der Secession, die damals für Diskussionen sorgte.

Frage: 1987 haben sie bei Peter Pakesch Ihre Arbeiten präsentiert. Entstanden ist ein kleines Büchlein, in dem Sie Buntpapier in einer sich wiederholenden Farbfolge als Seiten verwendeten. 1998 haben Sie dann die Wiener Secession mit der Farbe "Rouge vulgaire" überzogen. Welche Rolle spielt Farbe in Ihren Arbeiten?

Marcus Geiger: Welche Rolle spielt Farbe generell im Leben? Farbe hat sich auf ein relativ minimales Sprachspektrum reduziert. Jedes Produkt, jedes Ding hat auch irgendeine Farbe. Das ist ca. ein Sprachsatz von zwölf Wörtern. Ich glaube, für mich ist Farbe so wie für alle. In Wirklichkeit ist Farbe nur immer im Gegensatz zu einer anderen wichtig, weil sie sich abhebt. Und in einem Moment leuchtet eine mehr hervor als die andere, obwohl sie den gleichen Wert hat.

Frage: Was bedeuten Künstlerfreundschaften für Ihren Arbeitsprozess? Ich erinnere nur an das Künstlerfest in der Wiener Secession, wo Sie und Heimo Zobernig Musik machten und währenddessen die Secession übermalt wurde? Und in der jetzigen Ausstellung, wo Sie mit Peter Kogler zusammenarbeiteten. Was ist das Inspirierende und das Trennende bei solchen Freundschaften?

Ohne Titel, 1992 (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: Marcus Geiger
Ohne Titel, 1992 (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: Marcus Geiger
Geiger: Ich schätze, es hat in erster Linie weniger mit Freundschaften zu tun. Natürlich geht es um die Zeit, die man miteinander verbringt, wo man lacht und diskutiert. Ob das nun der Träger für die Arbeit ist, kann ich schwer sagen. Man kann auch nicht sagen, man hat diese Ausstellung jetzt gemacht, weil eine Arbeit so interessant ist, sondern man nimmt zwei Kunstwerke, die aus der gleichen Generation sind, die gut nebeneinander passen, wo man denkt, das funktioniert. Dieses Projekt ist so angelegt, dass man es nicht so auseinander dividieren kann.

Frage: Sie arbeiten gern mit ready-made-ähnlichen Objekten, wie etwa das in rosa Frottee eingewickelte Panzermodell von 1991. In ready-mades treffen Nachahmung und radikale Idealisierung meist zusammen. Was ist für Sie reizvoll daran, mit banalen Objekten zu spielen?

Geiger: Darauf will ich hier nicht so eingehen. Was macht etwas "banal"? Das Reizvolle ist sicherlich, dass es in solchen Objekte einzelne dumme Wahrheiten gibt, die in sich trotzdem kompliziert sind. Das Wort banal hat nur insofern eine Berechtigung, dass Kunst in sich selber oft banal ist.

Frage: Geht es in Ihrer Arbeit auch um eine Rehabilitierung von Gewöhnlichem? Ich erinnere mich dabei an das Fliesenbild von 1986, wo PVC-Böden wie Fliesen bemalt wurden.

Geiger: Ja, das sind Fliesenimitationen. Es ist ein schönes Ding an sich, solche Fliesen zu malen. Es ist relativ simpel, so etwas zu machen. Und Kunst ist ja eine Frage der Behauptung und nicht des Tuns und der Arbeit.

Frage: Seit wann und mit welcher Intention betreiben Sie Interventionen im öffentlichen Raum?

Geiger: Seitdem es die Möglichkeit dazu gibt. Kunst ist öffentlich. Hier in einem Galerieraum sind andere Bedingungen als auf einem Vorplatz. Da Kunst öffentlich ist, unterliegt sie unterschiedlichen Bedingungen und danach orientiert man sich.

Frage: Was ist das Reizvolle an der Location der Bawag Foundation für eine Ausstellung?

Geiger: Da spielen viele Sachen mit. Die Bawag Foundation gibt es ja schon lang. Früher war sie ja noch im Nebenhaus und dort war man bemüht, Bildhauer und Maler aus einem speziellen Spektrum zu fördern. Das war für uns damals nicht interessant. Diese Räume hier gibt es ja erst seit 1997. Und ich lernte die Räume kennen, als die Ausstellungen hier reizvoller wurden und man hinging und sich das ansah. Wir sind dann gefragt worden, ob wir hier etwas machen wollen. Die "Räume" sind - in Anführungsstrichen - ja unmöglich. Aber darauf kann man reagieren.

Frage: Im Grazer Kunstverein gestalteten Sie 1994 eine Ausstellung, die Sie nur mit Nachahmungen anderer Künstler bestückten. Darunter waren Imitationen von Herbert Brandl, Joseph Beuys, Peter Kogler, Rosemarie Trockel, Heimo Zobernig, Naim June Paik, u.v.a. Was macht es so reizvoll, andere Kunststrategien so intensiv zu studieren?

Geiger.: Ich habe nicht andere Kunststrategien studiert, sondern was dort entstanden ist, sind simple Erkennungszeichen, die für ein Kunstwerk stehen sollten, das geläufig ist. In Graz war ich relativ oft, da war eine Umstrukturierung im Kunstverein im Gange. Und man hat überlegt, was haben wir schon gemacht, was könnte man wieder einmal machen. Mit der Ausstellung hat man auf die Großausstellung im Grazer Künstlerhaus reagiert. Ich mag ja Großausstellungen gar nicht so.

Analog hat sich dann meine Ausstellung "steirischer herbst 94" genannt, obwohl es im Februar war. Und es gab auch kein Budget vom "steirischen herbst". Es waren Überlegungen über den Kunstverein, über das Künstlerhaus, die dazu führten, solch eine Ausstellung zu machen und nicht die Intention, Strategien von anderen Künstlern zu studieren.

Link: Marcus Geiger

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