Eine Nacht und ein Tag, die Ausstellung

Eine Zeitlinie verfolgt die sich überstürzenden Ereignisse des Novemberpogroms.


Ein zurückgenommener grauer Raum wird von einer einzigen Bruchlinie durchschnitten. Das Auge ist gezwungen sich zu sammeln. Im langsamen Entlanggehen tastet man das rundumlaufende Band ab. Ein Bruch zieht sich durch das glatte Ambiente. Das Ausstellungskonzept von Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek wurde von Ausstellungsgestalter Martin Kohlbauer einprägsam umgesetzt.

Blick in den Ausstellungsraum / ©Bild: David Peters
Blick in den Ausstellungsraum / ©Bild: David Peters

In die Linie ist das Stakkato der Ereignisse eingeschrieben, ein wenig unter Augenhöhe. So muss man beim Nachlesen des Protokolls vom 9. und 10. November 1938 in Wien den Kopf neigen. Persönliche Schicksale wechseln mit den von Goebbels und anderen Nazigrößen ausgegebenen Befehlen zur Zerstörung, den Anweisungen zu Inhaftierung und Überführung in die Konzentrationslager.

Kollektive Verschiebung

In dieser Installation geht es um die Verortung individueller Einzelschicksale in diesen vierundzwanzig Stunden. Und es wird deutlich, dass es nicht "Reichskristallnacht" heißen sollte, sondern vielmehr "Reichskristalltag". Um 5.00 in der Früh begannen die Aktionen, am späten Nachmittag gingen sie zu Ende.

In der Verschiebung von Tag zu Nacht in der kollektiven Erinnerung zeigt sich das Nichtgesehenhabenwollen. Der Mantel der Dunkelheit wurde über die Ereignisse gebreitet.

Was blieb von der Zerstörung

Durch eine Bruchleiste in der Wandgestaltung werden zerstörte Kultobjekte sichtbar. / ©Bild: David Peters
Durch eine Bruchleiste in der Wandgestaltung werden zerstörte Kultobjekte sichtbar. / ©Bild: David Peters

Das Ausmaß der Vernichtung österreichisch-jüdischen Kulturguts lässt sich am Zustand der geretteten Reste ermessen. Verbrannte, geschwärzte, zerbeulte, kaputte Gegenstände, sie sind durch zwei Sehschlitze in schwarzausgekleideten Vitrinen zu sehen, eingebettet in die Zeitlinie. Aus Schutt und Asche wurden diese rituellen Gegenstände aus den Bethäusern geborgen.

Es handelt sich bei diesem Bestand um eine Dauerleihgabe der Kultusgemeinde an das Jüdische Museum. Normalerweise sind diese Gegenstände im Schaudepot ausgestellt. Ihr Zustand spricht eine beredte Sprache. Das, was noch da ist, die Reste, die gerettet werden konnten, erzählen vom Ausmaß der Zerstörung. "Aktionen größten Stils mit vollkommen "freier Hand für Jedermann gegen Juden" hatte Goebbels angeordnet.

Gewaltige Aggression

Konvolut zerstörter Kultobjekte (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: D. Peters
Konvolut zerstörter Kultobjekte (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: D. Peters

In den geschändeten Kultgegenständen wird die gewaltige Aggression der Pogrome sichtbar. Einfach und zurückhaltend, mit sparsam gesetzten Akzenten vermittelt die Ausstellung einen Zugang zu den Ereignissen des Novemberpogroms und liefert so einen wesentlichen Beitrag zum Bewusstsein der Geschichte in unserer Gegenwart.

Tipp:

"Eine Nacht und ein Tag"
Die Ausstellung zum 9./10. November 1938 in Wien ist bis 28. November 2002 im Jüdischen Museum Wien zu sehen.

Link: Jüdisches Museum Wien

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