Die "Kulturnation" entrüstet sich über die
Plakatserie "25 Peaces". Wieder einmal verstehen alle etwas von Kunst. Nur
die Kunstexperten haben sich bisher weitgehend über die Sujets
ausgeschwiegen.
Aber Kunst ist keinesfalls Reklame. Sie soll immer noch aufrütteln,
kritisch sein, Fehlentwicklungen und Vorurteile aufzeigen, Solidaritäten
entwickeln.
Sie soll nicht nett und angenehm sein, ist weder zur ästhetischen
Erbauung allein, noch zur politischen Anpassung da. Das war sie nie: Schon
Michelangelos "Jüngstes Gericht", Caravaggios Huren als Madonnen oder
Goyas Kriegsbilder haben gemeinsam, dass sie zu ihrer Zeit als
pornografisch galten. Kunst ist von Menschen gemacht und wie alles, was
Menschen tun, voll von Widersprüchen. Sie darf auch hässlich und
geschmacklos sein (wiewohl dies ohnehin bereits subjektiv ist).
Die Plakatauswahl der "25 Peaces"-Macher zeigt jedenfalls die
künstlerische Vielfalt europäischer Stellungnahmen zur EU. Darunter
befinden sich sehr viel kritischere, aber auch zynischere Beispiele als
die beiden skandalisierten Bilder.
Um die Bilder zu verstehen, muss man wissen, dass jede Plakatserie aus
zwei Sujets besteht, die inhaltlich miteinander in Verbindung stehen. So
gehört etwa zu jenem aufsehenerregenden Bild, das einen weiblichen
Unterkörper, bekleidet mit einem EU-Höschen zeigt, noch ein zweites Bild.
Dieses zeigt eine Person unter einer Burka aus Tarnstoff auf einer
englischen Straße. Die serbische Künstlerin Tanja Ostojic wollte also
keineswegs sexistisch agieren, sondern vielmehr zeigen, dass "Mutter
Europa" gewisse Probleme mit dem islamischen Fundamentalismus hat.
Warum die Künstlerin Tanja Ostojic Recht hat
Weiters verbindet die Künstlerin zwei Momente des Realismus: Zum einen
zitiert sie den um 1855 von Gustave Courbet gemalten weiblichen
Unterkörper "Der Ursprung der Welt" (aber dezent ironisch mit
EU-Sterne-Slip), zum anderen den Terror in London 2005. Die Künstlerin
entrüstet sich zu Recht über die Entfernung ihrer Bilder aus dem
öffentlichen Raum.
Im zweiten Doppelbild, das zum Stadtgespräch wurde und ebenfalls
bereits entfernt ist, kopiert der spanische Künstler Carlos Aires eine
prominente Künstlergruppe aus Moskau – "Die blauen Nasen" –, die schon
2002 im Wiener MAK und derzeit in der Galerie Knoll mit simulierten
Porno-Stellungen dreier maskierter Männer auftrat.
Warum der Künstler Carlos Aires nur kopiert
Ihre Fotos zeigten etwa Osama Bin Laden, George Bush und Vladimir
Putin. Es sind aber eben nur "als ob"-Pornografien, und diese kommen nicht
einmal annähernd an die Illustrationen nach Marquis de Sade heran. Schon
eher lässt sich anhand der Bilder mit Verhaltensforscher Irenäus
Eibl-Eibelsfeldt argumentieren, dass auch der Mensch zu
"Rangdemonstrationen aggressiven Charakters" neigt. Bei der
Pseudo-Kopulation von Carlos Aires geht es, absichtlich provokant, um die
Vormachtstellung Amerikas in Europa.
Politische wie wirtschaftliche Abhängigkeiten, Terror und
Computerspiele, Armut und Migration sind weitere Leitmotive der anderen
Sujets. Aber auch die Vergangenheit Europas wird durch teils drastische
Symbole verständlich gemacht. Ironie und Humor sind oft im Spiel.
Besonders wertvoll sind jedoch Beiträge wie der von Valie Export, die
das Zusammenwachsen der EU mit schmerzhaften Nähstichen in Wort und Bild
beschreibt, oder Richard Crow, der mit "Bring Freud ins Leben" die
Emigrationsgeschichte Sigmund Freuds aufgreift.
Traurig und lächerlich ist, dass die Anti-Kunst-Kampagne der SPÖ der
populistischen Wahlpropaganda dient. Mit Hilfe von Kunstdiffamierung
sollen wohl die Wechselwähler von der FPÖ zurück erobert werden. Dafür
nimmt man dann auch starke Wörter, wie "Pornografie", "Sexismus" und
"Steuergeldverschwendung" in den Mund.
Widersprüchliche Oppositions-Kritik
Der eigentliche Skandal ist aber nicht nur der Angriff auf die Freiheit
der Kunst, sondern dass die SPÖ dabei selbst in einem Widerspruch steckt:
Die teils EU-kritische Haltung der Künstler entspräche ganz der neuen
Parteilinie.
Das MAK plant nach dem Ablauf der öffentlichen Schau in Wien und
Salzburg, alle Projekte auszustellen. Bleibt zu hoffen, dass dann ihre
Gesamtheit erfasst und die Diskussion auf ein höheres Niveau gehoben wird.
Samstag, 07. Jänner
2006