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Kunstberichte

Bring Freud ins Leben

Analyse zum EU-Porno-Plakat-Skandal der Aktionsreihe "25 Peaces"
Kritisches Statement abseits der öffentlichen Hysterie: Maya Schweizer thematisiert Satellitenstädte. Schweizer

Kritisches Statement abseits der öffentlichen Hysterie: Maya Schweizer thematisiert Satellitenstädte. Schweizer

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Die "Kulturnation" entrüstet sich über die Plakatserie "25 Peaces". Wieder einmal verstehen alle etwas von Kunst. Nur die Kunstexperten haben sich bisher weitgehend über die Sujets ausgeschwiegen.

Aber Kunst ist keinesfalls Reklame. Sie soll immer noch aufrütteln, kritisch sein, Fehlentwicklungen und Vorurteile aufzeigen, Solidaritäten entwickeln.

Sie soll nicht nett und angenehm sein, ist weder zur ästhetischen Erbauung allein, noch zur politischen Anpassung da. Das war sie nie: Schon Michelangelos "Jüngstes Gericht", Caravaggios Huren als Madonnen oder Goyas Kriegsbilder haben gemeinsam, dass sie zu ihrer Zeit als pornografisch galten. Kunst ist von Menschen gemacht und wie alles, was Menschen tun, voll von Widersprüchen. Sie darf auch hässlich und geschmacklos sein (wiewohl dies ohnehin bereits subjektiv ist).

Die Plakatauswahl der "25 Peaces"-Macher zeigt jedenfalls die künstlerische Vielfalt europäischer Stellungnahmen zur EU. Darunter befinden sich sehr viel kritischere, aber auch zynischere Beispiele als die beiden skandalisierten Bilder.

Um die Bilder zu verstehen, muss man wissen, dass jede Plakatserie aus zwei Sujets besteht, die inhaltlich miteinander in Verbindung stehen. So gehört etwa zu jenem aufsehenerregenden Bild, das einen weiblichen Unterkörper, bekleidet mit einem EU-Höschen zeigt, noch ein zweites Bild. Dieses zeigt eine Person unter einer Burka aus Tarnstoff auf einer englischen Straße. Die serbische Künstlerin Tanja Ostojic wollte also keineswegs sexistisch agieren, sondern vielmehr zeigen, dass "Mutter Europa" gewisse Probleme mit dem islamischen Fundamentalismus hat.

Warum die Künstlerin Tanja Ostojic Recht hat

Weiters verbindet die Künstlerin zwei Momente des Realismus: Zum einen zitiert sie den um 1855 von Gustave Courbet gemalten weiblichen Unterkörper "Der Ursprung der Welt" (aber dezent ironisch mit EU-Sterne-Slip), zum anderen den Terror in London 2005. Die Künstlerin entrüstet sich zu Recht über die Entfernung ihrer Bilder aus dem öffentlichen Raum.

Im zweiten Doppelbild, das zum Stadtgespräch wurde und ebenfalls bereits entfernt ist, kopiert der spanische Künstler Carlos Aires eine prominente Künstlergruppe aus Moskau – "Die blauen Nasen" –, die schon 2002 im Wiener MAK und derzeit in der Galerie Knoll mit simulierten Porno-Stellungen dreier maskierter Männer auftrat.

Warum der Künstler Carlos Aires nur kopiert

Ihre Fotos zeigten etwa Osama Bin Laden, George Bush und Vladimir Putin. Es sind aber eben nur "als ob"-Pornografien, und diese kommen nicht einmal annähernd an die Illustrationen nach Marquis de Sade heran. Schon eher lässt sich anhand der Bilder mit Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibelsfeldt argumentieren, dass auch der Mensch zu "Rangdemonstrationen aggressiven Charakters" neigt. Bei der Pseudo-Kopulation von Carlos Aires geht es, absichtlich provokant, um die Vormachtstellung Amerikas in Europa.

Politische wie wirtschaftliche Abhängigkeiten, Terror und Computerspiele, Armut und Migration sind weitere Leitmotive der anderen Sujets. Aber auch die Vergangenheit Europas wird durch teils drastische Symbole verständlich gemacht. Ironie und Humor sind oft im Spiel.

Besonders wertvoll sind jedoch Beiträge wie der von Valie Export, die das Zusammenwachsen der EU mit schmerzhaften Nähstichen in Wort und Bild beschreibt, oder Richard Crow, der mit "Bring Freud ins Leben" die Emigrationsgeschichte Sigmund Freuds aufgreift.

Traurig und lächerlich ist, dass die Anti-Kunst-Kampagne der SPÖ der populistischen Wahlpropaganda dient. Mit Hilfe von Kunstdiffamierung sollen wohl die Wechselwähler von der FPÖ zurück erobert werden. Dafür nimmt man dann auch starke Wörter, wie "Pornografie", "Sexismus" und "Steuergeldverschwendung" in den Mund.

Widersprüchliche Oppositions-Kritik

Der eigentliche Skandal ist aber nicht nur der Angriff auf die Freiheit der Kunst, sondern dass die SPÖ dabei selbst in einem Widerspruch steckt: Die teils EU-kritische Haltung der Künstler entspräche ganz der neuen Parteilinie.

Das MAK plant nach dem Ablauf der öffentlichen Schau in Wien und Salzburg, alle Projekte auszustellen. Bleibt zu hoffen, dass dann ihre Gesamtheit erfasst und die Diskussion auf ein höheres Niveau gehoben wird.

Samstag, 07. Jänner 2006


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