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Schneewittchens Albtraum: Walter Pichler im MAK

27.09.2011 | 18:09 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Nach Jahren stellt Bildhauer Walter Pichler wieder in einem Wiener Museum aus. Grandios tröstlich und traurig. Einweihung der ersten institutionellen Wiener Pichler-Ausstellung seit fast 15 Jahren im MAK.

Walter Pichlers sonst so behutsam in eigenen Klausen im Südburgenland verwahrte Einzelgänger und Einzelsitzer ließen sich nichts anmerken, stoisch wie ihr Schöpfer. Innerlich aber muss sie doch ein wenig freudige Erregung gepiesackt haben, so unerwartet ausgesetzt dieser beeindruckend prominent zusammengesetzten Menschenmasse, die sich am Dienstag durch die vormittägliche Einweihung der ersten institutionellen Wiener Pichler-Ausstellung seit fast 15 Jahren im MAK wälzte: Tritt Hanno Pöschl mir auf die Zehen? Neigt Hans Hollein sein Haupt zu mir? Lass Cordula Reiher über mich stolpern! Und Erika Pluhar mich streifen.

Doch der neue MAK-Chef Christoph Thun-Hohenstein wollte sich bei der Eröffnung der letzten Ausstellung seines (abwesenden) Vorgängers Peter Noever nichts nachsagen lassen – jede der kostbaren Figuren schien im Getümmel einen eigenen Museumswärter beigestellt bekommen zu haben. Eine dringend nötige Unterstützung für Pichlers etwas verloren wirkende eigene Wächterfigur, die er seinen der Welt und dem Kunstmarkt Entrückten (weil Unverkäuflichen) auf Reisen gerne zur Seite stellt.

Dessen Schutzbann wurde aber erst spürbar, als die brummende Meute (rasch) wieder abzog und die im Südburgenland wie im MAK gewohnte Ruhe einkehrte. Schnell schien sich die direkt vor dem Eingang aufragende „Bewegliche Figur“ von 1982 mit klammen Metallfingern noch die Schweißperlen von der weiblichen Schädeldecke zu wischen und ihr transparentes weißes Priestergewand zu glätten. Dann war sie wieder hergestellt, die strenge Ordnung, die auf der schwarzen MAK-Plattform für zeitgenössische Ankaufswünsche herrschen soll. Schon über den Köpfen der Pichler-Pilger beginnt ein unerbittlicher Zug nach vorne: Über dem Stiegenaufgang schweben drei Material-mystische Raumschiffe in Stabform. Sie leiten direkt vor die Füße der pyramidalen, archetypisch ägyptisch wirkenden „Beweglichen Figur“, angeführt nur von einer Art kleiner Stifterfigur, einem Selbstporträt des Künstlers. Der verglasten Schoko-Porträtbüste, die Kollege Dieter Roth dem Freund einst vererbte, hat Pichler 1999 hölzern wirkende Arme und Unterbau geschenkt. Grandios, halb Schneewittchen, halb eleganter Asket.

 

Ein Bett aus Glas, tröstend und traurig

Das Glas leitet weiter zur Gruppe gegenüber, vorbei an den vergleichsweise gesprächigen Zeichnungen des 75-Jährigen. Eine gibt einen Blick in die Zukunft frei, auf die unterirdische Kunstkammer, die Pichler für Tiroler Sammler plant. Eine verleitet zum Blick in die Vergangenheit, aus dem nicht zufällig benachbarten Fenster, zum mächtigen verrosteten Tor, das Pichler dem MAK bei seiner letzten Schau vor 20 Jahren gestaltet hat.

Eines der Betten von der Stirnseite des Raumes, aus denen Konstruktionen aus zerbrochenen und heilen Glasscheiben ragen, würde sich das Museum diesmal gerne einsammeln (Mäzene gesucht!). Eine schmerzhafte Gruppe. Man kommt zu keinem rechten Schluss über diese ambivalenten Liegestätten, bestimmt von einerseits schützendem, andererseits schneidendem Material. In einem Modell hat Pichler zwischen die Scheiben einen (noch unfertigen) „Schlafenden“, keinen Toten oder Kranken, gespannt. Ein Bild der Ewigkeit, tröstlich und unendlich traurig zugleich.

Bis 26.Feb., Di. 10–24h, Mi.–So. 10–18h.


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