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Zu Bildern von Martina Aigner/ Von Birgit Schwaner
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. . . und hinter den Farben ein Abgrund

Ein Paradox im Prozess des Erkennens liegt im Vexier-Spiel zwischen Nähe und Distanz. Möglichst "nah" erkennen, verfremdet. Heißt quasi: so nah wie aus weitester Ferne betrachten. Nähe und Ferne fallen in eins, wenn ein Blickwinkel gefunden ist, von dem aus Erkennen gelingt, etwas detailliert und umfassend gesehen wird. Im selben Moment. Der genaue Blick zwingt zur Distanzierung.
So können die Bilder Martina Aigners, in denen selten mehr als ein heller, gelber, grüner oder rötlicher Farbton aufscheint, als verschwände, verblasse er eben - ein letzter Abglanz der bunten Welt, der bald vom Schwarz verschluckt, vom Weiß und Grau zerstreut wird . . . -, auch als vorläufige Resultate einer ständigen Suche nach dem "Wesen" der Farben gelten.

Einer Suche, die in ihrer Konsequenz und Strenge zu den Grenzen führt: zu Schwarz und Weiß, den beiden Polen, Enden - der Nacht und der Wüste - des Farbigen. Ihre Bedeutung: totale Abwesenheit oder absolute Präsenz von Licht.
Licht, also Helligkeit, als Medium der Malerei, ist verantwortlich für die Farbperspektive.

Einer Suche, die in ihrer Konsequenz und Strenge zu den Grenzen führt: zu Schwarz und Weiß, den beiden Polen, Enden - der Nacht und der Wüste - des Farbigen. Ihre Bedeutung: totale Abwesenheit oder absolute Präsenz von Licht.
Licht, also Helligkeit, als Medium der Malerei, ist verantwortlich für die Farbperspektive. Und damit für die Illusion der dritten Dimension: Räumlichkeit, Tiefe, das Nächste, das Fernste . . . Der Raum der Malerei ist zwischen Schwarz und Weiß gespannt. In vielfältigsten Verhältnissen, beruhend auf den Wechselwirkungen des Hellen und Dunklen. Die sehend jeder anders empfindet.
Ausgehend von der Frage "was sich hinter dem Sichtbaren verbirgt, was unter der Oberfläche passiert", reflektiert die 1959 geborene Künstlerin das (für die Malerei wesensbestimmende) Moment der räumlichen Illusion. Reduziert, konzentriert auf die prinzipiellen Möglichkeiten des Materials, das sie bereits auf das Notwendigste beschränkte. Auf die Möglichkeit der Abbildung des "Raumes in und hinter der Farbe". So entziehen sich, wie nebenbei, ihre Arbeiten auch der medialen "Bilderflut" (die Umwelt und Assoziationen durchdringt) so sehr, dass wir ihrer bewusst werden könnten. Von der anderen Seite her . . .
Helle Pigmente, in dünner Schicht auf schwarzen Grund aufgetragen, werden mit trockenen Pinseln oder Kautschuk-Rakeln verwischt und weggeschoben - was an einzelnen Stellen den schwarzen Untergrund freilegt. "Geschieht dieses Freilegen mit einer gezielten Bewegung, folgt sie einem bestimmten Rhythmus und Tempo, entstehen Gitterstrukturen, Netze, Zellen, Labyrinthe oder Röhren, welche den Blick in unendliche, dunkle Räume zulassen", beschreibt Martina Aigner das Werden der Bilder. In denen Betrachter zugleich an das Nächste und Fernste erinnert werden: Helle Strukturen aus rechteckigen "Fächern" etwa, seitlich aneinander anschließend, nur nach vorne und hinten offen. Ausschnitte, aus nächster Nähe vielleicht. Von vergrößerten Stoffstrukturen, mikroskopischen Darstellungen pflanzlichen Gewebes? Oder im Gegenteil: Bilder, die Satellitenaufnahmen assoziieren lassen.

Aus großer Höhe, abstrahiert: Städte, Aneinanderreihungen kastenartiger Hochhäuser etwa, Schachteln mit nachgiebigen, teils eingedrückten Wänden, keine Zwischenräume . . .
Vergrößerung des Kleinsten, Verkleinerung des Größten? Ferne des Nächsten, Nähe des Fernsten? Der Blick gleitet die "tiefmaschigen Netze", Verschachtelungen entlang, die manche von Martina Aigners Bildern zeigen, verfängt sich in ihnen, gleitet weiter; wird er kurzfristig angezogen, dann wie zufällig von einem der schwarzen "Löcher" darin - wie von einem Stück des Abgrunds, über den die Raster gelegt sind.

Aus großer Höhe, abstrahiert: Städte, Aneinanderreihungen kastenartiger Hochhäuser etwa, Schachteln mit nachgiebigen, teils eingedrückten Wänden, keine Zwischenräume . . .
Vergrößerung des Kleinsten, Verkleinerung des Größten? Ferne des Nächsten, Nähe des Fernsten? Der Blick gleitet die "tiefmaschigen Netze", Verschachtelungen entlang, die manche von Martina Aigners Bildern zeigen, verfängt sich in ihnen, gleitet weiter; wird er kurzfristig angezogen, dann wie zufällig von einem der schwarzen "Löcher" darin - wie von einem Stück des Abgrunds, über den die Raster gelegt sind. Denk- und Empfindungsraster?
Beides, Schwärze und Struktur, scheint nicht mit dem Bildrand aufzuhören. Systematisches Wuchern eines mal schräg, mal senkrecht gespannten Netzes, durch das der Betrachter der Bilder, gerasterten Blicks, ins Dunkel schaut. In die Tiefe? Ins Nichts?
"What is behind that curtain?" Pascals berühmter Satz vom "unendlichen Schweigen" der leeren Räume des Kosmos (das ihn schaudern lasse) wäre vielleicht eine Antwort auf diese Frage, die Martina Aigner (nach einem Liedtitel Laurie Andersons) als Motto ihrer Arbeiten verwendet. Sofern man nicht im Vorhang das Dahinter, auf der Oberfläche die Tiefe erkennt. Im Schwarzen und Weißen die Farben, den Raum. Den Raum und den Abgrund - im Blick des Betrachters.
Den Martina Aigner befreit. Auch dort, wo sich zunächst träumen ließe: mit Bildern, die wolkenartige Verwischungen, Landschaften ähnelnde Flächen oder frei im hellen Raum schwebende Formen zeigen. Auch, wenn manche beinah fröhlich an gebogene Blätter, papierene Muscheln, gelockte Späne erinnern - sie führen ins Bodenlose. Der Malerei. Der Wirklichkeit.


Erschienen am: 29.03.2002

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