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02.06.2003 - Kultur News
Graz 03: Himmelstaucher, total verlassen, radikal fremd
Von irdischer Last und himmlischer Leichtigkeit: "Graz 2003" rückte Existenz und Transzendenz in einem religionsphilosophischen Symposium ins Zentrum der Kulturhauptstadt.
VON ELISABETH WILLGRUBER


Goldene Leitern ragen vom Grazer Dom-Dachstuhl und umliegenden Häusern in den Himmel. Im Hof des Priesterseminars hängen schwarze Menschenfiguren in der Luft, und am Kalvarienberg steht Jesus am Kreuz und streckt die Hände in die Höhe. "Erstmals stellt ein Programm einer europäischen Kulturhauptstadt Religion als Kulturfaktor in den Mittelpunkt", betont Johannes Rauchenberger, Projekt-Mitbegründer und Leiter des Kulturzentrums bei den Minoriten.

"Himmelschwer" sind die künstlerischen Zeichen, als wolle man der Schwerkraft entkommen. Auch die Suche nach einem "geheiligten ,Jenseits'" und "dem ,höheren' Leben" zähle zum Grundbedürfnis des Symbolisierens, resümiert die arrivierte US-Philosophin Susanne Langer ("Philosophie auf neuem Wege"): "Die Bildung von Symbolen ist eine ebenso ursprüngliche Tätigkeit des Menschen wie Essen, Schauen oder Sich-bewegen. Sie ist der fundamentale, niemals still stehende Prozess des Geistes."

Mit dem zwischen Krise und Neuorientierung befindlichen religiös-spirituellen Bilder-Haushalt und Gedanken zum "religionsgeschichtlichen Fortgang des Himmels" befasste sich dann auch das anregende Symposium "Himmel wohin" an zwei Tagen im Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz. Kulturphilosoph Thomas Macho (Humboldt Universität Berlin) spürte in seinem Exkurs "Vögel und Engel" der kulturellen Beziehung des Menschen zur dritten Dimension nach, zur Vertikalität - über aufrechten Gang, Turmbauten, Himmelsbeobachtungen und dem Wunsch zu fliegen.

Von der hohen metaphysischen Bedeutung des Vogels als "Motiv zahlloser Mythen, symbolischer Ordnungen und magischer Kulte" spannte sich der Bogen bis zu Brieftauben und den nach wie vor höchst populären Zwischenwesen der Engel. Annelie Lütgens, Kuratorin am Kunstmuseum Wolfsburg, konkretisierte die "Metamorphose vom Erdenbewohner zum Luftwesen" an Beispielen von Luftschiffern und "Himmelstauchern" ("Skydiver" im Amerikanischen). Der Kölner Bildtheologe Alex Stock streifte auch die neuen Götter, den "Heaven" der medialen Popkultur und die Ikonen der Neuzeit. Rational betrachtete Michael Glasmeier (Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig) Engel weder analog zu Fallschirmspringern oder Flugzeugen, sondern als "Produkt der Ekstase der Heiligen". Der Schlüssel bestehe in der Aufforderung, "uns unsere Engel und Visionen zu erzeugen". Denn nur Engeln sei es erlaubt, "sich frei von der Erdenlast zu lösen und sich im Himmel aufzuhalten".

Erdenschwer führte die "physikalische Kosmologie" dem dezentrierten Menschen der Moderne seine "totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit" vor Augen, so der Frankfurter Physiker und Theologe Dieter Mutschler. Aus dem "tausendjährigen Traum" erwacht, wird ihm klar, "dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen" (aus Jaques Monod: "Zufall und Notwendigkeit"). Soll die Gesellschaft nicht zur "bloßen Maschinerie" verkommen, müsse zwischen "wissenschaftlich dezentrierter Erfahrung" und "leibzentrierter" Lebenswelt ausbalanciert werden, damit "die Welt emotional, ästhetisch, moralisch und religiös von Bedeutung" wird. Oder, wie der Berliner Philosoph Jeannot Simmen in seinem Beitrag "Zerfall der Festigkeiten und Weltensturz" den jungen Max Beckmann ("Briefe im Kriege", 1915) zitiert: "Was würden wir armen Menschen machen, wenn wir uns nicht immer wieder eine Idee schaffen würden von Vaterland, Liebe, Kunst und Religion, mit der wir das finstere schwarze Loch immer wieder so ein bisschen verdecken können. Dieses grenzenlose Verlassensein in der Ewigkeit. Dieses Alleinsein."

Wenn der Grazer Peter Strasser in seiner märchenhaften Totenreise "Wie es war, als ich in den Himmel kam" der Philosophie schließlich "riesige Überhebung", deren "lächerliche Spitze" die Metaphysik sei, vorwirft, dann scheint's, als würde Sören Kierkegaard auf Graz hinunter schmunzeln: "Wie komisch! Wie das ganze abstrakte Denken in Bezug auf das Christentum und in Bezug auf alle Existenzprobleme eine Studie im Komischen ist, so ist das sogenannte reine Denken überhaupt eine psychologische Merkwürdigkeit, eine bewundernswerte Art von Geistreichigkeit im Zusammensetzen und Konstruieren in einem fantastischen Medium: dem reinen Sein."



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