Goldene Leitern ragen vom Grazer Dom-Dachstuhl und umliegenden Häusern
in den Himmel. Im Hof des Priesterseminars hängen schwarze Menschenfiguren
in der Luft, und am Kalvarienberg steht Jesus am Kreuz und streckt die
Hände in die Höhe. "Erstmals stellt ein Programm einer europäischen
Kulturhauptstadt Religion als Kulturfaktor in den Mittelpunkt", betont
Johannes Rauchenberger, Projekt-Mitbegründer und Leiter des Kulturzentrums
bei den Minoriten.
"Himmelschwer" sind die künstlerischen Zeichen, als wolle
man der Schwerkraft entkommen. Auch die Suche nach einem "geheiligten
,Jenseits'" und "dem ,höheren' Leben" zähle zum Grundbedürfnis des
Symbolisierens, resümiert die arrivierte US-Philosophin Susanne Langer
("Philosophie auf neuem Wege"): "Die Bildung von Symbolen ist eine ebenso
ursprüngliche Tätigkeit des Menschen wie Essen, Schauen oder Sich-bewegen.
Sie ist der fundamentale, niemals still stehende Prozess des Geistes."
Mit dem zwischen Krise und Neuorientierung befindlichen
religiös-spirituellen Bilder-Haushalt und Gedanken zum
"religionsgeschichtlichen Fortgang des Himmels" befasste sich dann auch
das anregende Symposium "Himmel wohin" an zwei Tagen im Kulturzentrum bei
den Minoriten in Graz. Kulturphilosoph Thomas Macho (Humboldt Universität
Berlin) spürte in seinem Exkurs "Vögel und Engel" der kulturellen
Beziehung des Menschen zur dritten Dimension nach, zur Vertikalität - über
aufrechten Gang, Turmbauten, Himmelsbeobachtungen und dem Wunsch zu
fliegen.
Von der hohen metaphysischen Bedeutung des Vogels als
"Motiv zahlloser Mythen, symbolischer Ordnungen und magischer Kulte"
spannte sich der Bogen bis zu Brieftauben und den nach wie vor höchst
populären Zwischenwesen der Engel. Annelie Lütgens, Kuratorin am
Kunstmuseum Wolfsburg, konkretisierte die "Metamorphose vom Erdenbewohner
zum Luftwesen" an Beispielen von Luftschiffern und "Himmelstauchern"
("Skydiver" im Amerikanischen). Der Kölner Bildtheologe Alex Stock
streifte auch die neuen Götter, den "Heaven" der medialen Popkultur und
die Ikonen der Neuzeit. Rational betrachtete Michael Glasmeier (Hochschule
für Bildende Künste, Braunschweig) Engel weder analog zu
Fallschirmspringern oder Flugzeugen, sondern als "Produkt der Ekstase der
Heiligen". Der Schlüssel bestehe in der Aufforderung, "uns unsere Engel
und Visionen zu erzeugen". Denn nur Engeln sei es erlaubt, "sich frei von
der Erdenlast zu lösen und sich im Himmel aufzuhalten".
Erdenschwer führte die "physikalische Kosmologie" dem
dezentrierten Menschen der Moderne seine "totale Verlassenheit, seine
radikale Fremdheit" vor Augen, so der Frankfurter Physiker und Theologe
Dieter Mutschler. Aus dem "tausendjährigen Traum" erwacht, wird ihm klar,
"dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das
für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden
oder Verbrechen" (aus Jaques Monod: "Zufall und Notwendigkeit"). Soll die
Gesellschaft nicht zur "bloßen Maschinerie" verkommen, müsse zwischen
"wissenschaftlich dezentrierter Erfahrung" und "leibzentrierter"
Lebenswelt ausbalanciert werden, damit "die Welt emotional, ästhetisch,
moralisch und religiös von Bedeutung" wird. Oder, wie der Berliner
Philosoph Jeannot Simmen in seinem Beitrag "Zerfall der Festigkeiten und
Weltensturz" den jungen Max Beckmann ("Briefe im Kriege", 1915) zitiert:
"Was würden wir armen Menschen machen, wenn wir uns nicht immer wieder
eine Idee schaffen würden von Vaterland, Liebe, Kunst und Religion, mit
der wir das finstere schwarze Loch immer wieder so ein bisschen verdecken
können. Dieses grenzenlose Verlassensein in der Ewigkeit. Dieses
Alleinsein."
Wenn der Grazer Peter Strasser in seiner märchenhaften
Totenreise "Wie es war, als ich in den Himmel kam" der Philosophie
schließlich "riesige Überhebung", deren "lächerliche Spitze" die
Metaphysik sei, vorwirft, dann scheint's, als würde Sören Kierkegaard auf
Graz hinunter schmunzeln: "Wie komisch! Wie das ganze abstrakte Denken in
Bezug auf das Christentum und in Bezug auf alle Existenzprobleme eine
Studie im Komischen ist, so ist das sogenannte reine Denken überhaupt eine
psychologische Merkwürdigkeit, eine bewundernswerte Art von
Geistreichigkeit im Zusammensetzen und Konstruieren in einem fantastischen
Medium: dem reinen Sein."
© Die Presse | Wien