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01.08.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Mühl-Retrospektive: Jenseits von damals
VON SABINE B. VOGEL
Ausstellung. Otto Mühls Retrospektive in der Sammlung Falckenberg in Hamburg.

Direkt am Bahnhof Hamburg-Har burg stehen die Phönix Werke. Eine feindliche Übernahme führte 2004 dazu, dass die Gummiproduktion eingestellt und das Werk aufgelöst wurde. Jetzt ist hier in einem der vielen Gebäude die Kunstsammlung von Harald Falckenberg untergebracht. Auf 2000 Quadratmeter präsentiert der Hamburger Großsammler seine Ankäufe. Nur gegen Voranmeldung kann man hier hinein - und das ist auch gut so. Denn Falckenberg zeigt zur Zeit eine umfassende Otto-Mühl-Retrospektive mit dem programmatischen Untertitel "Jenseits von Zucht und Ordnung".

Aber anders als das Wiener Museum für angewandte Kunst, von dem die Ausstellung übernommen wurde, legt der Privatmann das Hauptaugenmerk nicht auf das malerische Werk, sondern auf den früheren Aktionismus. Neben 200 Bildern, Fotografien und Zeichnungen werden 18 ziemlich heftige Aktionsfilme der 60er Jahre auf großformatigen Leinwänden erstmals zusammen präsentiert. Es sind Dokumentationen der extremen "Materialaktionen" Mühls. Nackte Körper werden mit Mehl, Gatsch, Kot oder Blut beschmiert, malträtiert und über den Boden gewälzt. Oft ist die Grenze zwischen Lust und Gewalt ebenso wenig festzustellen wie zwischen Sinnlichkeit und Kindlichkeit.

Von diesen Filmen hieß es immer wieder, hier ginge es "orgiastisch" zu. Aber die Sinnesräusche sind allzu oft durch Mühls Grimassen und Gehampel gebrochen. Im hervorragenden Katalog schreibt Falckenberg dazu passend: "Es scheint, dass Mühl über ein präpubertäres, prägenitales, in einigen Segmenten pränatales Stadium nie hinweggekommen ist, im Guten wie im Bösen." Für die "böse" Seite saß er fast sieben Jahre im Gefängnis, wegen Unzucht mit Abhängigen. Über die "gute" Seite wird noch immer heftig diskutiert, die Filme lösen dieselben Abwehrreaktion aus wie damals. Sicherlich: Hier geht es höchst deftig zu. Aber man möge nicht vergessen, dass diese sorgfältig inszenierten Aktionen konzipiert waren zu provozieren, den Kunstbegriff zu beschädigen, die Bürgerlichkeit zu zerstören.

Auch wenn keiner dieser Ansprüche eingelöst wurde, gehören diese Werke zu den wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Das ist keine Frage von Geschmack oder Zumutbarkeit, das muss kunsthistorisch akzeptiert werden. Über Mühls Kommunenzeit mit allen Problemen, der fatalen Hierarchie und dem entsetzlichen Machtmissbrauch ist damit nichts gesagt. Hier geht es um die frühen Filme und Fotografien. Wir erkennen in ihnen eine Zeit der Umbrüche im Bann der Psychoanalyse, einen Glauben an die Befreiung des Subjekts durch entfesselte Gelüste und Sinnlichkeit, ein radikales Aufbegehren gegen Disziplinierungspraktiken, voller Aggressionen und tiefster Ängste.

Welch bedeutende Stellung dieser Werkphase heute noch zukommt, inszeniert Falckenberg dank seiner Sammlung in außerordentlicher Weise: In einem Nebenraum sind Werke von John Bock, Martin Kippenberger, Paul McCarthy, Mike Kelley, Jonathan Meese zu sehen, die sich alle ähnlich unübersehbar auf Mühl beziehen wie der Theaterregisseur und enfant terrible der deutschen Kultur Christoph Schlingensief.

In Mühls heutigen Werken allerdings ist von jenen frühen Emotionen und Ansprüchen lediglich die Aggressivität geblieben, wenn auch absolut harmlos in den mit dicker Farbe aufgetragenen "Haifisch"-Bildern oder in den "Electric Paintings" mit den zu Fratzen überzeichneten Gesichtern. Wir sehr das den Kuratoren Harald Falckenberg und Bettina Busse bewusst ist, demonstriert die Hallenbeleuchtung: Auf ein Minimum reduziertes Licht, gerade genug, um die Bilder und Zeichnungen noch zu sehen - eine Kulisse im Schatten der Filme.

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