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10.01.2006 - Kultur&Medien / Bühne
"Wahre Werte": Wo eine Olive noch Olive sein darf
VON ALMUTH SPIEGLER
"Wahre Werte" im Künstlerhaus. Am roten Laufsteg der Unverbindlichkeiten.

F
reiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; Glaube, Liebe, Hoffnung; Grüner Veltliner vom Weingut Weixelbaum, Wellendorff-Goldschmuck, der Porsche 911. Alles "wahre Werte" - je nachdem, wen man fragt, den Revolutionär, den Christen oder der/die/das Google. Ohne vorgegebene Ideologie bleiben "Wahre Werte" hohle Hüllen. Mit einer Ausnahme: dem Nihilismus. Denn, wenn alles und nichts zum "Wahren Wert" werden kann, wenn gar nichts mehr gilt, kann man sich die Frage nach irgendwelchen Wertvorstellungen eigentlich gleich sparen. Die Antworten funktionieren dann sowieso nur als Kalauer, schnelle Gags oder zynische Seitenhiebe.

Viel Relatives und wenig Verbindliches - ja, derart Konventionelles wünscht man sich manchmal - bleibt auch nach Durchstreifen der so pathetisch mit "Die Enzyklopädie der wahren Werte" betitelten Ausstellung im Untergeschoß des Künstlerhauses über. Eine gute bunte Stunde kann hier über einen roten Laufsteg flaniert werden, vorbei an allerlei alphabetisch aneinander gereihten Begriffen. Irgendwann hört man sich dann auch zum Wundern auf über die kuriose Mischung von Aluminium, Bratislava, Nazi-Nostalgie, Oliven bis Zugvögel - und konzentriert sich schließlich notgedrungen darauf, wie diese durch ein viel zu großes (30köpfiges!) Intellektuellen-Komitee bedingten Zufälligkeiten im Lauf von zwei Monaten zu einer (nahezu) fertigen Ausstellung umgesetzt wurden.

Eingeladen war nach Kurator Jan Tabors offenem, jeglicher Zensur abgeneigten System prinzipiell jede und jeder, die (letztlich anscheinend aber doch autoritär) vorgegebenen Begriffe visuell umzusetzen. Durch Tabors Rolle als zentrale Figur der jungen Wiener Architektenszene war die Ausrichtung allerdings von Anfang relativ abschätzbar. Weniger abschätzbar war jedoch das enttäuschende Ergebnis - sieht Tabor seine "Werte"-Schau als direkte Nachfolgerin der fantastisch überfordernden und überbordenden "Mega"-Ausstellung, selber Ort, vier Jahre zurück. Doch statt anarchischen schrägen Konzept-Gewusels wird hier - zumeist - brav illustriert, als würde eine Oberstufenklasse schnell eine Gruppenarbeit basteln müssen. Steht da "Einladung" am Boden, liegt ein Haufen Einladungen daneben. "Kochen" - Mikrowelle und Kochbücher. "Jesus/Che" - ein Jesus-Magazincover und Che-Devotionalien. "Schmetterlinge" - ein Schmetterlinge-Mobile. "RAF" - "RAF"-Bücher. "Brot" - Brot. "Taschen" - Taschen. Danke, sehr lieb.

Natürlich gibt es subversive Ausnahmen: Wenn etwa "Angst" begleitet wird durch einen umgefallenen Stapel Alu-Stühle, der sich ursprünglich als Bogen über den Laufsteg hätte spannen sollen, dann aber behördlich wegen zu großer Gefahr verboten wurde. Es gibt problematische Unausgereiftheiten: Wenn etwa neben "Aufhören" kommentarlos Luftaufnahmen von Auschwitz und Guantanamo aufgelegt werden. Und einfach Unterhaltsames: Wenn bei "Zukunft" etwa eine orange Kiste zum Draufsteigen für mehr Ausblick steht.

Überhaupt orange. Der ganze Eingangsbereich ist in diese modische Mischfarbe getaucht, der so zum warmen pulsierenden Herz dieses Parcours der Beliebigkeiten wird, räumlich eingeklammert vom Alpha und Omega, den immerhin zwei überzeugendsten relevanten Begriffen - "Angst" und "Zukunft". In dieser Lounge läuft das dichte Begleitprogramm ab, hier kann man in Liegestühlen über Walter Benjamin sinnieren, dem dieser "Work in progress" gewidmet ist - und zum Abschluss die zweibändige Publikation begrüßen, in der rund 1000 "Wahre Werte" registriert sein sollen, untermauert mit intelligenten Texten intelligenter Autoren. Und das ist es schließlich doch, was bleiben wird.

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