Über die Ungarn, ihre Sprache und
Geschichte, wissen die durchschnittlichen Österreicher nicht
viel. Das gilt übrigens auch für die Ungarn selbst, sagt der
Linzer Thomas Lauringer, ein Historiker ungarischer Herkunft.
Lauringer unterrichtete lange Jahre am heutigen
"Europa-Gymnasium" in Auhof Geschichte. Jetzt genießt er seine
Pension, bläst fleißig Klarinette und Saxophon in der Band
"Swing Company" und widmet sich seinen historischen
Studien.
Lauringer ist österreichisch-ungarischer
Doppelstaatsbürger, und das birgt für ihn eine Verpflichtung
zur "Aufklärung". "Wenn ich in Ungarn bin, versuche ich, die
Geschichte Österreichs so darzustellen, wie sie wirklich
verlaufen ist. In Österreich habe ich dasselbe Ziel im
Hinblick auf die Ungarn."
Ein Märchen
Damit hat er viel zu tun, denn es gibt so einiges
zurechtzurücken. Etwa die Geschichte von der "finno-ugrischen
Sprachfamilie", aus der das Ungarische angeblich stammen soll.
Für Lauringer ist das ein Märchen, das noch von den
Habsburgern aus politischen Gründen in die Welt gesetzt worden
ist. "Es durfte ja nicht sein, dass ein Volk in Bezug auf die
Sprache eine wesentlich ältere Geschichte hat als die
Habsburger", sagt er.
In diesem Sinne zitiert Lauringer zahlreiche Quellen, die
den Ursprung der ungarischen Runenschrift auf vor rund 3500
Jahren datieren. Dementsprechend sei die ungarische Sprache
eng mit dem Sumerischen verwandt. Nicht ohne Grund kommen also
ungarische Namen wie Arad, Ur oder Kis in der Bibel oft vor.
Die Landnahme der Ungarn im Karpatenbecken erfolgte ab 895
unter König Árpád, dort trafen sie auf die lose siedelnde
hunnisch-awarische Bevölkerung. Im Gegensatz zu den
herrschenden Klischees brachten die Ungarn eine hohe
Kultur-Tradition mit und verfügten durch ihre Magier über
einen hohen Stand im Bereich der Medizin. Ein gutes Beispiel
dafür ist der im Kreis der katholischen Kirche verehrte
heilige Severin, der ein hunnischer Aristokrat, Heiler und
Magier war.
Die Ungarn kannten übrigens auch schon sehr bald die
Vorteile der Körperpflege, nicht umsonst nannten die
Byzantiner Reisebäder "ungarische Bäder". Und sehr frühzeitig
im Vergleich zum restlichen Europa trugen sie Unterwäsche (das
Dialektwort "Gatti" kommt aus dem ungarischen "Gatya").
Gehirnwäsche
Laut Lauringer übernahmen die Ungarn immer wieder eine
Schutzfunktion für Europa, sei es beim Ansturm der Mongolen
oder der Türken, und bluteten dabei aus.
Nach dem 1. Weltkrieg wurde Ungarn filetiert. Zwei Drittel
der Fläche und drei Viertel der Bevölkerung gingen verloren.
Noch heute leben in den sogenannten Nachfolgestaaten rund fünf
Millionen Ungarn als Minderheiten und sind starken
Repressalien ausgesetzt, wie etwa die jüngsten Übergriffe in
der Slowakei zeigen.
Über seine ungarischen Landsleute sagt Lauringer: "In
Wahrheit herrschen die Kommunisten nach wie vor, sie nennen
sich nur anders. Viele Menschen haben eine Art Gehirnwäsche
hinter sich, sind lethargisch oder aggressiv und noch lange
nicht in Europa angekommen. Aber ich bin trotzdem
zuversichtlich. Noch ist viel Potential vorhanden ..."
Mátyás Rákosi (1892 - 1971) Um seine
jüdische Herkunft zu verbergen, ändert Mátyas Rosenfeld 1904
seinen Namen auf Rákosi. Als K.u.k.-Soldat im 1. Weltkrieg in
russische Gefangenschaft geraten, schließt er sich den
Bolschewiken an, wird 1919 Mitglied der Räteregierung und
flüchtet nach deren Zusammenbruch nach Moskau.
1924 wieder in Ungarn, um die Kommunistische Partei zu
reorganisieren, wird er zu mehrjähriger Haft und nach deren
Verbüßung zu lebenslangem Kerker verurteilt. 1940 lässt ihn
das Horty-Regime nach Moskau ausreisen. 1944 kehrt er mit den
sowjetischen Truppen nach Moskau zurück. Gestützt auf die neue
Staatspolizei (AVO) steigt er bis zum KP-Generalsekretär auf,
1952 wird er Ministerpräsident.
Nach dem 2. Weltkrieg richtet "Stalins bester ungarischer
Schüler" in Ungarn ein Terrorregime ein. Nach Stalins Tod muss
er auf Druck der UdSSR als Ministerpräsident Imre Nagy
weichen, bleibt aber noch KP-Generalsekretär. Bei Ausbruch der
ungarischen Revolution flieht Rákosi in die UdSSR, wo er bis
zum Tod im Exil lebt.
Imre Nagy (1896 - 1958) Der
jahrzehntelang vom KP-Regime totgeschwiegene und verfemte
Politiker Imre Nagy spielt im Revolutionsjahr 1956 als
Ministerpräsident eine Schlüsselrolle, die ihn letztendlich
das Leben kostet.
Mit dem von ihm verkündeten Austritt
Ungarns aus dem Warschauer Pakt und der Aufforderung an die
Sowjets, mit ihren Soldaten abzuziehen, überspannt er den
Bogen. Er kann nach der Niederschlagung des Aufstandes durch
die Russen zwar in die jugoslawische Botschaft fliehen, wird
aber dann nach Rumänien und Russland verschleppt.
Auf
Betreiben der Sowjets wird gegen ihn 1958 in Budapest unter
Ausschluss der Öffentlichkeit ein Verfahren wegen Hochverrats
durchgezogen. Radio Moskau meldet am 17. Juni seine
Hinrichtung, die internationale Proteste nach sich
zieht.
Am 16. Juni 1989 wird Nagy voll rehabilitiert
und mit anderen hingerichteten Mitstreitern auf dem Budapester
Heldenplatz in allen Ehren beigesetzt. An der Trauerfeier
nehmen 300.000 Menschen teil.
János Kádár (1912 - 1989) János
Csermanek, der uneheliche Sohn einer Magd, absolvierte eine
Lehre als Schreibmaschinenmechaniker. 1931 tritt er der KP
bei, 1933 wird er wegen kommunistischer Tätigkeit zwei Jahre
in Haft genommen und lernt dort Mátyás Rákosi kennen.
Im Mai 1941 wird er Mitglied des KP-Zentralkomitees, 1943
dessen Leitender Sekretär und nimmt den Partei-Namen Kadar an.
1945 wird er stellvertretender Polizeichef in der von den
Sowjets befreiten Hauptstadt Budapest, 1948 bis 1950 ist er
Innenminister, 1951 wird er verhaftet, aller Ämter enthoben,
aber 1954 wieder entlassen und rehabilitiert.
Am 1. November 1956 verlässt Kadar Ungarn in Richtung
Moskau, wo ihn die Sowjets an die Spitze der ungarischen
Gegenregierung stellen. Bis 1985 führt er unter wechselnden
Funktionen die KP. Im Mai 1988 zieht er sich aus
gesundheitlichen Gründen zurück. Er stirbt am 6. Juli 1989,
dem Tag der feierlichen Umbettung seines einstigen
Widersachers Imre Nagy.
Die blutige Chronik Die 1956 blutig
niedergeschlagene ungarische Revolution und deren Auswirkungen
auf Österreich (Thema Flüchtlings-Integration) ist ab 16.
November Thema einer Ausstellung im Linzer Stadtmuseum
"Nordico". Der für den wissenschaftlichen Bereich zuständige
Historiker, Prof. Dr. Helmut Fiereder, stellte uns wichtige
Grundlagen für die Chronik- und Porträtleiste auf dieser Seite
zur Verfügung.
1956
Februar: Nikita Chruschtow rechnet auf dem 20. Parteitag
der KPdSU mit Stalins Terrorherrschaft ab. Im Ostblock werden
Forderungen nach Ablösung stalinistischer Kader laut.
Juni: In Posen (Polen) kommt es zu Unruhen und einem
Aufstand, den die polnische Armee niederschlägt.
In Ungarn bildet sich der "Petöfi-Kreis" als
Diskussionsforum für Reformen. Der verhasste Parteichef Matyas
Rakosi muss sein Amt abgeben, trotzdem wächst in der
Bevölkerung die Unzufriedenheit.
23. Oktober: Als sich Sympathiekundgebungen zur
Unterstützung der polnischen Arbeiter nach einem von der
Staatssicherheit verursachten Massaker zum allgemeinen
Aufstand ausweiten, rehabilitiert Ungarns KP Imre Nagy und
beruft ihn zum Ministerpräsidenten
einer neuen Regierung, der auch Vertreter der Opposition
angehören. Teile der ungarischen Armee und Polizei stellen
sich auf die Seite der Revolution.
24. Oktober: In Budapest eingedrungene Sowjet-Truppen
werden vertrieben. Basisdemokratische Räte übernehmen
vielerorts die Macht. Ungarn tritt aus dem Warschauer Pakt
aus, erklärt seine Neutralität nach österreichischem Vorbild
und will mit der UdSSR über den Abzug der Truppen
verhandeln.
4. November: Sowjetische Panzer rollen erneut in Budapest
ein. Bis Mitte November kommen bei Kampfhandlungen rund 20.000
Ungarn und 2500 Sowjets ums Leben. Hilfe aus dem Westen, vom
CIA betriebenen Sender "Radio Free Europe" in Aussicht
gestellt, bleibt aus. Amerika, Frankreich, Großbritannien und
Israel sind zu sehr in die Suezkrise verstrickt.
Dezember: Die UdSSR, bislang selbst mit blutiger Rache an
den Revolutionären beschäftigt, überträgt die weiteren harten
Maßnahmen zur "Wiederherstellung der Ordnung" der neuen
ungarischen Regierung unter Janos Kadar. Das Standrecht wird
verhängt, Gefängnisse füllen sich, die 1953 abgeschafften
Internierungslager werder wieder errichtet, es kommt zu
Dutzenden Hinrichtungen.
April: Die Kremlführung beordert Kadar nach Moskau und
beschließt mit ihm unter anderem den Prozess gegen Imre Nagy
und dessen Mitstreiter. Allein in diesem Jahr fällen
sogenannte "Volksgerichte" 6000 Urteile, bis 1961 werden rund
400 Todesurteile vollstreckt.
Wegen der anhaltenden internationalen UNO-Kritik erlässt
das Kadar-Regime nach Lockerung der Repressionen eine
General-Amnestie. Revolution und Revolutionäre werden aber
weiterhin kriminalisiert und Betroffene benachteiligt, manche
bis zum Zusammenbruch der KP-Imperien im Jahr 1989.
Als politisches Leitmotiv gilt Janos Kadars Satz: "Wer
nicht gegen uns ist - ist mit uns." Der Preis, den Ungarn für
diesen "Gulasch-Kommunismus" zu zahlen hat, ist eine Art
kollektive Amnesie.
Nach Meinung vieler Ungarn ist in ihrem demokratisch
regierten EU-Land aber auch nicht gerade das Paradies
ausgebrochen.
vom 07.10.2006 |