Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte
Kunsthalle Krems zeigt mit der Schau "Lebenslust & Totentanz" Werke aus der Sammlung Thomas Olbrichts

Die Kunst als eine Abenteuerreise

Sinnbilder der Weiblichkeit: Jungfrau mit Kind aus dem 15./16. 
Jahrhundert eines anonymen Künstlers (links, Detail) und Bettina Rheims 
"Le Lait Miraculeux de la Vierge" aus dem Jahr 1997. Foto: 
Achim Kukulies; Bettina Rheims/Galerie Thaddaeus Ropac/Galerie Jérôme de
 Noirmont

Sinnbilder der Weiblichkeit: Jungfrau mit Kind aus dem 15./16. Jahrhundert eines anonymen Künstlers (links, Detail) und Bettina Rheims "Le Lait Miraculeux de la Vierge" aus dem Jahr 1997. Foto: Achim Kukulies; Bettina Rheims/Galerie Thaddaeus Ropac/Galerie Jérôme de Noirmont

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Er will die junge Generation mit seiner Sammlung ins Museum locken, hält aber an sich das Sammeln mehr für einen Defekt oder eine Flucht: Thomas Olbricht. Erbe eines Konzerns, selbst Chemiker und als Arzt Vorstand einer Klinik. Was mit Briefmarken und Matchboxautos begann endete bei derzeit etwa 3000 Kunstwerken im "me collectors room" in Berlin. Themen und Konfrontation der neuen Kunst mit der älteren interessieren ihn mehr als Garantien der Qualität. Doch auch der Kunst-aktie kann er sich nicht ganz entziehen mit Namen wie Albrecht Dürer, Gerhard Richter, Damien Hirst, Kiki Smith oder Bettina Rheims. Daneben gestattet Eigensinn immer Unschärfen, ja sogar Seichtes, für das Olbricht in den Medien schon einmal auf gleicher Tiefebene als "Doktor Sex" und Doktor Tod" gescholten wurde.

350 Werke holt Hans-Peter Wipplinger vom "Rocker des Kunstsammelns" nach Krems und setzt damit auch die Kunsthalle einem Wechselbad der Emotionen aus. Nicht nur zwischen den existentiellen Spannungsbögen Tod und Eros oder Alt und Neu, sondern eben auch unter dem Aspekt einer postmodernen Ära nach der ästhetischen Vermischung von "High and Low". Besonders im neuen Realismus in Amerika wird dieser Bruch sichtbar: Die Gemälde von David Nicholson oder Terry Rodgers weisen auf Friedrich Schellings Urteil über das Schöne als "Mittag der Langeweile" zurück. Sie pflegen diese im Verbund mit Oberflächlichkeit; moralisch gesehen sind sie abstoßende Ikonen des Turbokapitalismus. Die ÜbersättigunganErotik macht sich auch bei anderen bemerkbar, die Grenze zu Pornografie wird ausgereiztbei Thomas Ruff, George Shaw und in Wang Dus Skulpturen.

Kunst ist heute weit von vermeintlicher Unschuld und Erhabenheit entfernt. Zur Sinnbildung eignet sie sich trotzdem, daher steht der erzieherische Aspekt immer noch neben der Trostgebärde gegen die Verzweiflung.

Expressionistisches Bild der Frauen

Da tauchen in harter Gegenthese zu Rodgers die Expressionisten mit ihrem mondänen Frauenbild auf. Der Sinn im Bestürztsein erschließt sich erst langsam. Wir leben seit dem 19. Jahrhundert im Widerspruch einer "Schönheit des Hässlichen" (nach dem Hegelschüler Karl Rosenkranz). Das ist befremdend. Die Kunst und unsere Wahrnehmung von ihr brauchen wieder "Rahmenwechsel", wie es Hort Bredekamp, ein Leitwolf der Kunstgeschichte, verkündet hat. Seine Ideen über Aktualität der Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance treffen die Interessensbereiche des Sammlers Olbricht. Zwischen Kunst und Naturwissenschaft stehend, ist so manches Exponat um Totenköpfe oder tanzende Tödleins auch Lehrobjekt. Die ins Heute erweiterte Wunderkammer enthält dazu Modelle unseres Daseins wie Wim Delvoyes Kapelle aus Stahl, Marc Quinns "Mirage"-Figur nach Fotos Gefolterter aus Abu Ghuraib oder das Glasperlenbaby von Liza Lou.

Im historischen Nachbau des Urmuseums hängt stellvertretend für die "Naturalia" ein ausgestopftes Krokodil über makaber tanzenden, teils zerlegbaren "Tödleins". Leichter, weil einfach harmonisch, korrespondieren Cindy Shermans Verkleidung als Maria Lactans zu einem Renaissance-Gemälde aus dem Umkreis Joos von Cleves oder Bettina Rheims schwarz verschleierte "La Lait Miraculeux de la Vierge" von 1997.

Wenn Jake & Dinos Chapman Francisco de Goyas oder Jacques Callots Radierfolgen über die Schrecken des Krieges modellhaft übernehmen, sind wir im apokalyptischen Ego gelandet. Subtil taucht ein Schwert auf als Ohrring der "Irène" von Franz Gertsch, wer will, kann es wiederfinden im Schwert der Lukrezia von Jean Luc Moerman nach Cranach oder aber Kris Martins Riesen-"Mandi XV".

Hieronymus Bosch ist überaktuell, wie uns Antoine Roegiers Animationsfilm zum Martyrium des heiligen Antonius ironisch vorführt, ein anderer Höhepunkt ist eine vielleicht unbewusste Spiegelung des Sammlers in Dürers "Traum des Doktors" oder "Die Versuchung des Müßiggängers" hinter dem Ofen, der Venus verfallen. Er sei kein barocker Mensch, betont Olbricht, es geht ihm trotzdem um Fleischlichkeit, aber mit leichten Ekstasen, voyeuristischer Neugier und menschlichen Schwächen integriert. Letzteres als Erkenntnis einer Kunst ohne Reinheitsgebot könnte tatsächlich auch junge Besucher ansprechen.

Ausstellung

Lebenslust & Totentanz

Olbricht Collection

Wolfgang Schoppmann, Hans-
Peter Wipplinger (Kuratoren)

Kunsthalle Krems

bis 7. November

Printausgabe vom Samstag, 17. Juli 2010
Online seit: Freitag, 16. Juli 2010 17:33:29

Kommentar senden:
Name:

Mail:

Überschrift:

Text (max. 1500 Zeichen):

Postadresse:*
H-DMZN07 Bitte geben sie den Sicherheitscode aus dem grünen Feld hier ein. Der Code besteht aus 6 Zeichen.
Bitte beachten Sie dabei die Groß- und Kleinschreibung!


* Kommentare werden nicht automatisch veröffentlicht. Die Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen. Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird online nicht veröffentlicht.

Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at