diepresse.com
zurück | drucken

01.08.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Ausstellung Biedermeier: Lieber in Tulln als im Depot
VON ANNE CATHERINE SIMON
Das Belvedere lagert bis November fast 100 Biedermeier-Bilder ins Minoritenkloster Tulln aus.

Vom "Gedenkjahr-Kuchen" dürfen sich viele ein Stück abschneiden - manche ein so großes, dass sie dafür gerne eine Zeitlang auf ihre eigenen besten Stücke verzichten. Lieber in Tulln als im Depot, dachte man sich wohl in der Österreichischen Galerie Belvedere: Da hier für die Dauer der Staatsvertrags-Ausstellung ohnehin sämtliche Bilder abgehängt werden mussten, lieh man kurzerhand fast 100 Biedermeier-Prachtstücke her. Das hat auch viele Depot-Dauerinsassen aus einem Dornröschenschlaf erlöst.

Arrangiert wurden die Bilder in den Räumen des Tullner Minoritenklosters so liebe- und geschmackvoll wie die im Biedermeier so beliebten Blumenbouquets - intuitiv-assoziativ, weniger kunsthistorisch als kunstvoll, mehr malerisch als akademisch. Für die Ausstellungswände wählten die Kuratoren ein Blassblau - der perfekte Hintergrund, vielleicht auch ein Fingerzeig? Auf zum Bad im Biedermeier.

Nicht ohne Untiefen: Da stößt man etwa nächst dem wunder-lichten "Fronleichnamsmorgen" auf einen unbekannteren düsteren, fast schon expressionistisch drastischen Waldmüller, "Erschöpfte Kraft": In der Wiege innig erleuchtet das Kind, am Boden dunkel hingestreckt die Mutter, wie tot. Zurück ins Klischee - zu Josef Danhausers "Mutterliebe" zum Beispiel, wo Mama versonnen auf das nuckelnde Baby schaut. Oder wie wär's mit einer fast schon unanständig mondänen "Betrachtung im Négligé" von Johann Baptist Reiter? Ernüchterndes Gegenbild: Johann Michael Neders "Morgentoilette eines Mädchens" - Gesicht und Gestalt vor Trostlosigkeit in die Länge gezogen, von Reizen keine Spur, einzig das Licht spendet Trost - für den Betrachter.

Das Unheimliche des biedermeierlichen "Vormärz": Nistet es nicht zwischen den so fein säuberlich aneinander gerückten Beinen des "braven Franzl"? Im Arbeitszimmer Akten lesend hat Johann Stephan Decker ihn gemalt, kein Bild des Restaurations-Kaisers war zu dessen Lebzeiten beliebter. Der Kaiser kommt noch zweimal vor, auf Bildern von Johann Peter Krafft - der einzige deutsche Maler dieser Zeit, der der Historienmalerei neue Impulse gab (aber auch erst nach einer Reise ins napoleonische Frankreich). Der kleine Themenblock "Historienbild" in der Ausstellung ist also atypisch, völlig aus der Art fällt der Schwerpunkt "religiöse und mythologische Themen". Kaiser Franz und Fürst Metternich interessierten sich nicht für die Maler von Andachts- und Kirchenbildern, diese umgekehrt auch nicht für sie, mehr für Rom und das Mittelalter. Wienerische Varianten der Spätromantik sieht man da (etwa Joseph Führich, Leopold Kupelwieser), bewusst gegen die Waldmüllersche Wirklichkeitsmalerei entwickelt.

Ansonsten bleiben die Schwerpunkte konventionell: Neben dem Genre die Landschaft (Thomas Ender, Joseph Rebell, etliche Gauermanns, auch ein Stifter darf im Stifterjahr nicht fehlen), außerdem Stillleben (etwa Blumen- und Früchte-Arrangements von Johann Knapp, Josef Lauer oder Joseph Nigg), aufgelockert durch Porträts von Friedrich Amerling oder Waldmüller, Franz Eybl oder Leopold Kupelwieser. Bekanntes und weniger Bekanntes in einer rundum schönen, Harmonie atmenden Ausstellung. Dank sei dem Staatsvertrag.

"Biedermeier - Gemälde aus dem Österreichischen Belvedere" ist bis 1. November im Tullner Minoritenkloster zu sehen, täglich außer Montag, 10-17 Uhr. Information unter Tel.: 02272/619 15.

© diepresse.com | Wien