| Salzburger Nachrichten am 21. August 2006 - Bereich: Kultur
Einzug der Erinnerungen Erfolgreiche Uraufführung
des Auftragswerkes von Olga Neuwirth im Konzert der Wiener Philharmoniker
mit Pierre Boulez - Lang Lang wurde gefeiert.
ERNST P. STROBLSALZBURG (SN). So, jetzt hat sie es heraußen: Olga
Neuwirth komponierte im Auftrag der Festspiele ein Konzert für Trompete
und Orchester, schrieb sich damit in die Herzen - und wurde doch glatt
bejubelt! Die Uraufführung am Sonntag im Großen Festspielhaus durch Pierre
Boulez und die Wiener Philharmoniker mit dem Solisten Håkan Hardenberger
endete für die Komponistin mit lauten Bravorufen. Geht doch, aber wie? Olga Neuwirth hat davon Abstand genommen, die Zuhörer mit sperrigen
Klangkämpfen und ätherischen Nebeln zu verunsichern und griff zum
Erfolgsmittel, an die Erinnerung zu appellieren. Eine subkutane Methode.
Das fünfsätzige Werk "... miramondo multipla ..." ruft nicht nur im Titel
zur Betrachtung der Welt aus vielen Perspektiven auf. Auch musikalische
Welten werden ganz meisterhaft miteinander in Beziehung gesetzt, wenn
nicht verknüpft. Der erste Satz, "aria dell'angelo", setzt die
philharmonische Maschinerie mit einem Knalleffekt in Bewegung, hohe
Solotöne der Tompete werden mit aufsteigendem Donnergrollen im Schlagwerk
und Klangwogen beantwortet. Ein fragiles Gespinst ist dann "aria della
memoria", über tiefen Streichern und Bläsern plötzlich ein wehmütiger
Abgesang, "Send in the Clowns". "aria del sangue freddo" wird härter,
kaltblütiger, die Trompetenstimme erhält Echos wie von Strawinsky,
blecherne Hüllen von den Posaunen umfassen die Solostimme. Ein unverhohlen
"schönes" Stück gelingt Olga Neuwirth in der friedvollen "aria della
pace", die durch Händels "Lascia ch'io pianga" eine suggestive Wirkung
entfaltet. "aria del piacere", der letzte Satz oder besser die letzte der
Klangwelten, ruft wieder auf den Boden neuer Musik zurück. Ein Crescendo
lädt sich zur Bedrohlichkeit auf, Håkan Hardenberger schmetterte
traumverloren seine Linien und Kaskaden bis zur Schlussfanfare. Das
zündete. Gleich sieben Sätze hatte Mozart geschrieben und damit im Alleingang
das Programm bis zur Pause ausgefüllt. Die Gran Partita KV 361 stellte die
Bläser der Wiener Philharmoniker in die Auslage, dreizehn Mann, die mit
großem Können den melodischen Einfallsreichtum in alle Farben tauchten.
Die Raffinesse beim "Abmischen", die tänzerische Energie der Menuette, die
lyrische Zurückhaltung im Adagio und das übermütige Finale wurden durch
Pierre Boulez streng kontrolliert. Auf den Superstar musste man bis zuletzt warten, ein wohlfeiler Trick
der Programmdramaturgie. Man durfte gespannt sein auf Lang Lang und Pierre
Boulez mit Mozart, eine ungewöhnliche Paarung. Das Klavierkonzert G-Dur,
KV 453, zog dann ohne überflüssigem Glitzer vorüber. Lang Lang verhielt
sich im Sinne von Boulez beinahe sachlich und rückte sich nicht in den
Vordergrund. Im unverschleierten Andante hielt sich der Pianist mit
persönlichen Akzenten noch zurück, der verspielte Schalk kam erst im
Finalsatz zum Tragen. Zuletzt erfüllte Lang Lang die Erwartungen im
beinahe jazzig angehauchten Geben und Nehmen im Dialog mit dem Orchester.
Blitzsauber, jugendfrisch, ein bisschen liebenswert frech, so wie er eben
ist. Kein introvertiertes Sensibelchen. |