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| Christian Kravagna Mary Kellys ‹Post-Partum Dokument›, die künstlerische Bearbeitung der wechselseitigen Sozialisation in der Mutter-Kind-Beziehung, erstmals in seiner Gesamtheit sehen zu können, reicht an sich schon aus. Vor dem Hintergrund des gegenwärtig exzessiven Privatisierens der jungen Kunst erhält Kellys Politik des Privaten noch zusätzliche Aktualität. | ||
| Mary Kellys
Post-Partum Dokument
Ein kleines Wagnis
links: Ante Partum, 1972 Video,
Original 8 mm, s/w, ohne Ton, 90 sec., endlos. Alle drei Fotos courtesy
Generali Foundation, Wien.
Die Ausstellung von Mary Kelly in der Generali Foundation Wien läuft noch bis zum 20.12. Im Verlag Silke Schreiber ist anlässlich der Ausstellung die deutsche Erstausgabe von Kellys Buch ‹Post-Partum Dokument› erschienen. |
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Zuerst einmal muss es um das Revidieren einiger Vorurteile gehen, die in Bezug auf Mary Kelly und ihr PPD immer noch bestehen. Es handelt sich dabei nämlich ebensowenig um ‹trockene› Konzeptkunst wie um die ‹Illustration› theoretischer, genauer psychoanalytischer Konzepte. Und schon gar nicht handelt es sich um den Rückzug einer engagierten Feministin in die reaktionäre Verklärung der Mutterrolle. Vielleicht ermöglicht erst die Zusammenschau aller, mittlerweile auf mehrere Erdteile verstreuter Teile des PPD die Einsicht in die Vielfalt der künstlerischen Bezüge, in die emotionale Tiefe bei gleichzeitiger gedanklicher Schärfe und den ästhetischen Reichtum dieses Werks. Zweifellos ist das 1973–79 entstandene ‹Post-Partum Dokument› von freudschen und lacanschen Theoremen durchdrungen, doch sein Verständnis ist von deren Kenntnis keineswegs abhängig. Mary Kellys Arbeit kann als Konsequenz aus einem der sogenannten ‹Nebenwidersprüche› der linken Gesellschaftskritik der sechziger Jahre verstanden werden. Die arbeitsteilige Gesellschaft musste auch im Hinblick auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung untersucht werden. Der Film ‹Nightcleaners› (1970–75) und die Ausstellung ‹Women and Work› (1973–75) hatten den Anfang gemacht und das Interesse bald von Fragen der rechtlichen und ökonomischen Gleichbehandlung auf die Bedeutung der den Frauen zugeordneten Hausarbeit für die Aufrechterhaltung sozialer Machtverhältnisse gelenkt. Kelly setzt im PPD dort an, wo die soziale Definition von Reproduktionsarbeit als ‹weiblich› quasi besiegelt wird, am biologischen Argument von Schwangerschaft und deren Folgen. Im Gegensatz zur Romantisierung des Mutter-Kind-Motivs in der männlichen Kunstgeschichte und Medienrealität verweigert Kelly die Darstellung von Mutter und Kind und widmet sich ganz dem intersubjektiven Prozess. In sechs Abschnitten und einer ‹Einleitung› erzählt sie, über einen Zeitraum vom ersten bis zum sechsten Lebensjahr des Sohnes, von der Identitätsbildung des Kindes, seiner Loslösung von der primären Bindung zur Mutter und von den psychischen Energien, die die Mutter in diese Beziehung investiert. Reflexionen über Begehren, Lust, Ängste, Zweifel, Abhängigkeiten und körperliche Belastungen begleiten Notationen zur täglichen Nahrungszusammensetzung, zu ersten sprachlichen Äusserungen bis hin zu Fragen des Kindes zum Geschlechterunterschied. Die Abfolge der einzelnen Sektionen, mit ihrem jeweiligen Thema und je spezifischen Form der Visualisierung, ergibt einen locker narrativen Zusammenhang, ähnlich dem eines Episodenfilmes. Das PPD bedient sich einer konzeptkünstlerischen Sprache, die es zugleich unterwandert. Anfang der siebziger Jahre, als die Konzeptkunst gerade dabei war, in ihrer ‹Ästhetik der Verwaltung› (Buchloh) zu erstarren, infiltriert Mary Kelly die aseptische Reinheit konzeptueller Sprach- und Begriffsanalysen mit profanem Kindergebrabbel und haucht ihr damit auch wieder neues Leben ein. Durch den Gebrauch von Tabellen, Diagrammen, Karteikarten usw., zusammen mit Nahrungsrückständen in den Windeln oder den Krizzeleien des Zweijährigen, seinen Fragen und ihren Antworten, bringt Kelly das aus elitären künstlerischen Diskursen verdrängte Alltägliche wieder hinein. Die profane Reproduktionsarbeit, die gerade in der Kunstwelt am wenigsten gilt, wird Kelly zum Thema und zum Ort der Produktion, schliesslich zu jenem Ort, von dem aus die Herausbildung der Geschlechtsidentitäten am besten zu analysieren ist, aus denen patriarchale Arbeitsteilungen ihre Motivation beziehen. Am schönsten vielleicht formuliert in Dokumentation V, wo die kindlichen Forschungen zur Differenz der Geschlechter mit Geschenken an die Mutter (Insekten, Blüten) und naturwissenschaftlichen Kategorisierungen zusammengebracht werden. Die Ausstellung ergänzt die Präsentation des PPD um eine von Julie Carson gestaltete Dokumentation der politischen, feministischen und künstlerischen Hintergründe im London der siebziger Jahre, aus denen heraus das PPD entstand. Weiters zeigt Kelly die Serie ‹Primapara› (1974), kleinformatige Fotos, in denen Blick- und Körperkontakte zwischen Mutter und Baby eingefangen werden und die trotzdem nicht kitschig sind. Schliesslich ‹Antepartum› (1973), ein tonloser Film, der den hochschwangeren Bauch in Nahaufnahme zeigt, über den Kellys Hände ab und zu zärtlich darüberstreichen. Dass es sich dabei um ein kleines Wagnis handelt, belegt schon die Tatsache, dass der Film bisher nicht gezeigt wurde. Und tatsächlich können es sich nur wenige Künstlerinnen erlauben, auf diese Weise Mutterschaft zu repräsentieren, ohne sich dem Vorwurf der Bekräftigung von Rollenzuschreibungen auszusetzen. Der Film mag zunächst an alte Demonstrationsfilme zu Schwangerschaft und Geburt erinnern, aber er erklärt nichts und strahlt dagegen eine erotische Qualität aus, die sich im ‹Post-Partum Dokument› erst bei genauerem Hinsehen erschliesst. |
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| Ausgabe: | 12 / 1998 | |
| Ausstellung: | ( - ) | |
| Institution: | Generali Foundation (Wien) | |
| Autor/in: | Christian Kravagna | |
| Künstler/in: | Mary Kelly | |
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