Zweites Untergeschoß. Mit dem Lift geht es in die Tiefe.
Geschützt vor tintenfeindlichen Sonnenstrahlen reiht sich hier Blatt an
Blatt. Das Leopold Museum im Museumsquartier zeigt aus seinen Beständen 76
Originalzeichnungen von Alfred Kubin (1877 bis 1959). Insgesamt 300
Blätter des österreichischen Ausnahmezeichners hat der Sammler Rudolf
Leopold seit den späten fünfziger Jahren erworben - aufgespürt bei
Auktionen rund um die Welt und durch Hartnäckigkeit.
Heute gilt seine Kubin-Sammlung nach jener der Albertina
und des Oberösterreichischen Landesmuseums als drittgrößte in Österreich.
Seinen Stolz auf diesen Platz kann Leopold nicht ganz verbergen, hat er
ihn doch ohne Schenkungen errungen.
Jetzt präsentiert er die besten Blätter, konservatorisch
begrenzt auf drei Monate, geordnet nach Chronologie und thematischen
Gruppen. Phantastisch-gruselige Szenen von Krieg und Tod, dämonische
Wesen, verzerrte Leiber, gähnende Schlünde, der ausgelieferte Mensch -
Kubin, wie man ihn kennt und schätzt. Darunter Meisterzeichnungen aus
Kubins bekanntester künstlerischer Phase, als er in seinen Mittzwanzigern
in München lebte, wie "Das Grausen" (1901/02) und "Das letzte Abenteuer"
(1901).
Das gespenstische "Aus meinem Reich" (1900) gab der
Ausstellung nicht nur den Namen, sondern zeigt auch hervorragend die
angewandten Techniken: Ein schnabelig-krakenhaftes Wesen scheint auf einem
Felsplateau zu taumeln - dahinter steigt ballonartig ein Kopf auf, zwei
Männer stehen unbeteiligt davor. Vielleicht sehen sie nichts. Mit Tusche
und Feder hat der Künstler hier schraffiert, leicht aquarelliert und den
Hintergrund in Schichten mit einer Spritztechnik verdichtet.
Doch Leopold zeigt nicht nur die eindrücklichen,
stilistisch klareren Werke der Jugendjahre, sondern gibt einen Überblick:
Von frühen Blättern, beginnend 1898, wo Kubins Signatur noch den
Jugendstil verrät, bis zu "Der Nebenbuhler" aus 1952.
Bei einem Rundgang fällt Kubins ambivalentes Verhältnis
zur Frau auf, begründet vielleicht in seiner von Verlusten gebrochenen
Biographie: Oft ist sein Tod ein weiblicher, dann liegt eine Gebärende am
Meeresgrund, eine Selbstmörderin baumelt versonnen vom Luster. Der Tod ist
immer grausam. Er zerrt an den Haaren, hypnotisiert wie eine Kobra, öffnet
endlose Abgründe. Und man begegnet ihm allein. Bei Kubin und auch im
Heute.
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