04.01.2003 12:45
Graz. Wer hätte das gedacht?
Der
Entschluss, einmal Kulturhauptstadt Europas werden zu wollen, fiel vor fast 15
Jahren: Chronologie eines mühsamen Weges
Der Entschluss, einmal Kulturhauptstadt Europas werden
zu wollen, fiel vor fast 15 Jahren. Drei Bewerbungen waren vonnöten.
Zwischendurch glaubte man, mit dem Kulturmonat abgespeist worden zu sein, den
man 1993 ausrichten durfte. Erst als Österreich EU-Mitglied war, bekam Graz den
Auftrag für das ganze vor uns liegende Jahr. Die Chronologie eines mühsamen
Weges mit Umwegen und Sackgassen bis zur Eröffnung am 9. Jänner.
Sicher, in den 70er-Jahren war einmal von der "heimlichen Hauptstadt der
deutschsprachigen Literatur" die Rede gewesen. Und nicht nur aufgrund der
Dreiländer-Biennale trigon, die es heute nicht mehr gibt, und des steirischen
herbstes, der damals noch ein Avantgardefestival war, hatte sich Graz zu einer
kleinen Drehscheibe zu Südosteuropa entwickelt. Aber ob dies ausreicht, gleich
Kulturhauptstadt Europas zu werden? Dennoch: Vor fast 15 Jahren, im Frühsommer
1988, hielt Clemens August Andreae, 1991 in Thailand ums Leben gekommener
Ordinarius für Volkswirtschaft an der Innsbrucker Universität, auf Einladung von
Erhard Busek, dem Wiener Vizebürgermeister, im Management Club einen Vortrag
über Kultur und Wirtschaft. Und in diesem riet er Graz, weil er dem
Städtetourismus einen Boom prophezeite, sich bei der EG, wie die Union noch
hieß, um die Zuerkennung des Titels zu bewerben.
Warum er gerade Graz für
würdig erachtete, begründete Andreae dahingehend, dass Wien - aus der Sicht von
1988 - ohnedies zusammen mit Budapest die Expo veranstalte. Dass Salzburg von
Haus aus Kulturhauptstadt sei und von Besucherströmen geflutet werde. Und dass
Innsbruck den Wintersport als Atout habe.
Helmut Strobl, der bürgerliche
Grazer Kulturstadtrat, vernahm die Worte mit Erstaunen. Schließlich war
Österreich noch kein Mitglied der Staatengemeinschaft. Und es waren bis dahin
nur wirkliche Kulturhauptstädte zu einer solchen ernannt worden: Melina
Mercouri, die griechische Kulturministerin, hatte Athen 1985 kurzerhand zu einer
solchen ausgerufen. Es folgten Florenz 1986, Amsterdam 1987, Berlin 1988 und
Paris 1989.
Aber Andreae soll gesagt haben: Probieren Sie es doch! Zurück
in Graz, berichtete Strobl dem Stadtsenat, was ihm vorgeschlagen worden war. Und
Alfred Edler (SP), für die Finanzen zuständig, war Feuer und Flamme. Denn man
könne, wenn die Kulturhauptstadt Wirklichkeit werde, vom Land Steiermark wie vom
Bund respektable Mittel für infrastrukturelle Maßnahmen lukrieren, auf die
ansonsten nie eine Chance bestünde. Dass der Coup gelingen würde, daran glaubte
aber - außer Strobl und Bürgermeister Alfred Stingl (SP) - niemand.
Auf
Bitte der Stadt hin stellte Alois Mock, der Außenminister, einen Antrag an die
EG. Erfolglos, weil man von der Idee, den Titel an eine Stadt außerhalb des
gemeinsamen Wirtschaftsraumes zu vergeben, wieder abkam: Glasgow 1990, Dublin
1991, Madrid 1992 und ein zu Artwerpen umgetauftes Antwerpen 1993. Doch im
Frühjahr 1990 ersannen die Kulturminister bei einer Konferenz die Minivariante
für Städte außerhalb des Staatenbundes, den Kulturmonat: 1992 durfte Krakau ihn
veranstalten. Und 1993 Graz. Irgendwie doch eine Ehre. Aber: "Es schien, als
hätte man uns mit den Kulturmonat abspeisen wollen. Damals glaubten wir, das war
es", sagt Strobl heute.
Graz als "großes
Wohnzimmer"
Eine gute Performance hinlegen wollte man trotzdem.
Auch wenn es praktisch kein Budget gab: Der Kulturstadtrat konnte bloß 0,9
Millionen Euro zusätzlich locker machen, um Graz sechs Wochen lang (von 24.
April bis 6. Juni) als "bauliches Gesamtkunstwerk", als "animierenden
Lebensraum", als "großes Wohnzimmer" zu präsentieren. Dementsprechend sah das
Programm auch aus: Koordinator Mathis Huber, Intendant der styriarte, sammelte
ab, was die einzelnen Veranstalter anzubieten hatten. Insgesamt war es trotzdem
zu viel: Der Kalender, dessen Schrift die Zuhilfenahme einer Lupe erforderte,
verzeichnete unkommentiert über 800 Veranstaltungen. Die Programmatik kam zu
kurz, es gab Terminkollisionen, die Touristen verirrten sich nicht nach Graz,
die Hotelbetten belegten die Künstler und Straßenclowns. Zudem rief die
Ankündigung des Organisationsbüros, die Stadt werde durch das "größte Grazer
Kultur-Ereignis des Jahrzehnts" für sechs Wochen "der Nabel der europäischen
Kulturwelt" sein, nur ein mitleidiges Schmunzeln hervor.
Das Resümee war
ein ernüchterndes, zumindest in den Medien: "Die Chance, sich inhaltlich neben
den Kulturzentren Wien, Salzburg und (dem direkten Konkurrenten) Linz auf
markante Weise zu positionieren, wurde vertan", schrieb Martin Behr in den
Salzburger Nachrichten: "Wenn Graz etwas dringend braucht, dann Zugluft. Kein
retrospektives Mammut-Programm, kein Schielen auf das Buch der Rekorde, kein
unentwegtes Lorbeerkranz-Flechten für die alten Haudegen." Auch hätte das
Konzept nicht vor Mut zum Risiko gestrotzt: "Was dem Kulturmonat insgesamt
gefehlt hat, war Dynamik, war Herzblut, war ein Aufzeigen von Visionen, von
Richtungen."
Weniger wäre mehr gewesen, lautete die gängige Meinung in
der Kulturszene. "Eine Vielzahl von nebbichen Dingen hat die Sicht auf die
spärlich gesäten guten Dinge verstellt", konstatierte Horst Gerhard Haberl. Der
Intendant des steirischen herbstes, der es abgelehnt hatte, sein Festival
aufgefettet zum Kulturmonat zu deklarieren, sprach von einem "Zuschütten der
Qualität durch Quantität", einem in weiten Teilen sicht- und spürbar gewordenen
"Überinszenierungsprozess".
Und der Medienkünstler Richard Kriesche,
dessen Ausstellung Entgrenzte Grenzen Teil des Programms war, kritisierte die
sichtbar gewordene Tendenz der "Kulturversorgung". Der Wunsch, es allen recht zu
machen, habe bisweilen zu billigster Unterhaltung geführt. "Das hat weder Europa
noch den Grazern, der Politik oder der Kunst genützt", so Kriesche.
Von
Fehlern wollten die Stadtväter allerdings nicht viel wissen, auch wenn sie
selbst eingestehen mussten, dass "für uns so manches nicht optimal gelaufen"
ist: Stingl und Strobl rechneten auf ihrer Bilanzpressekonferenz mit den
Kritikern ab, die den kulturpolitischen Aspekt außer Acht gelassen hätten.
Gerade diesem aber habe der Auftrag gegolten. Exemplarisch nannten sie das
Projekt Sarajewo, mit dem erste konkrete Schritte zum Wiederaufbau der
nationalen Bibliothek gesetzt wurden, oder die alten und neuen Probleme des
Nationalismus in Europa, die das Thema zweier Kongresse waren. Zum Vorwurf der
Vielzahl von Veranstaltungen sagte Strobl nur, für ihn gebe es "kein Zuviel an
Kultur". Die Idee des Kulturmonats solle nun jedes Jahr im Mai mit bestimmten
Schwerpunkten ihre Fortsetzung finden.
Sie fand bekanntlich keine. Die
Grazer Europa-Aktivitäten wurden in Brüssel dennoch positiv registriert. Und man
machte Strobl Hoffnungen für die Zeit nach 1997. Denn bis dahin waren die
Kulturhauptstädte bereits beschlossen worden: Lissabon 1994, Luxemburg 1995,
Kopenhagen 1996 und Saloniki 1997.
Die österreichische Bundesregierung
richtete erneut die Bitte an die Union. Doch Graz war wieder erfolglos. Obwohl
man in Brüssel zu der Überzeugung gelangt war, künftig nicht mehr die Metropolen
zu Kulturhauptstädten zu erklären, sondern Städte der zweiten Reihe. Aber der
bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, der die Bewerbung zu unterstützen
versprochen hatte, konnte, was er nicht wusste, bei der Konferenz im November
1993 nur einen Antrag stellen. Und dieser galt Weimar 1999. Für 1998 wurde
Stockholm auserkoren.
Dieser Kür stimmten Frankreich und Italien nur
unter der Bedingung zu, dass im Jahr 2000 Städte ihrer Länder berücksichtigt
werden: neben Prag als erster Kulturhauptstadt außerhalb der Staatengemeinschaft
auch Avignon und Bologna. Später kamen, weil das Projekt eigentlich seinen
pompösen Abschluss finden sollte, noch weitere hinzu: Bergen, Brüssel, Krakau.
Helsinki, Reykjavik und Santiago de Compostela. Als zehnte hätte man wohl auch
Graz durchgebracht. Doch Strobl verzichtete nach Rücksprache mit Stingl. "Eine
goldrichtige Entscheidung", wie der Kulturstadtrat retrospektiv meint.
Graz setzte sich gegen St. Petersburg durch
Denn
der Titel Kulturhauptstadt wurde nicht ad acta gelegt. Und im dritten Anlauf
sollte es klappen. Auch ohne gemeinsame Bewerbung mit Dubrovnik als Veranstalter
des Kulturmonats. Im Mai 1998 kamen die EU-Kulturminister samt Peter Wittmann
(SP), damals Kunststaatssekretär Österreichs, überein, Rotterdam und Porto zu
den Kulturhauptstädten des Jahres 2001 zu machen. 2002 sollten Brügge und
Salamanca folgen, 2004 Lille und Genua. Für das Jahr 2003 hatten sich ebenfalls
zwei Städte beworben, neben Graz auch St. Petersburg, das seine Gründung 1703
ins Treffen führte. Doch aufgrund der Nichtzugehörigkeit Russlands zur EU wurde
der Konkurrent abgelehnt: Petersburg ließ man bloß den Kulturmonat veranstalten.
Und Graz erhielt allein den Titel zugesprochen. Die St. Petersburger reagierten
natürlich erbost. Denn wer oder was ist schon Graz? Bitterböse Briefe schrieben
sie, aber Stingl konnte alle Vorwürfe entkräften - und St. Petersburg, das 2003
den Kulturmonat ausrichtet, schließlich zu einer weitreichenden Kooperation
bewegen.
Währenddessen fragte Strobl sich und andere, wer in der Lage
sein könnte, das Programm zu entwickeln. Der Idealkandidat müsse einen Überblick
über das internationale Geschehen und exzellente Kenntnisse über die heimische
Szene haben, dürfe aber mit dieser nicht zu sehr "verhabert" sein. Gerhard
Melzer, Leiter des Franz-Nabl-Instituts, brachte Wolfgang Lorenz ins Spiel.
Strobl rief sogleich den gebürtigen Grazer, der unter Gert Bacher beim ORF
Karriere gemacht und von 1988 bis 1991 das Landesstudio Steiermark geleitet
hatte, an. Und Lorenz, seit 1995 Leiter der Hauptabteilung Kultur in Wien,
bekundete spontan Interesse.
Bereits Mitte Juli wurde Strobls Vorschlag
im Stadtsenat mit großer Mehrheit (bloß der kommunistische Stadtrat Ernst
Kaltenegger stimmte dagegen) angenommen: Lorenz wurde ab August zunächst für ein
Jahr zum nebenberuflichen Intendanten bestellt. Und er versprach ein
ausgereiftes Konzept, "das sich nicht auf flockige, programmphilosophische Ideen
beschränkt, sondern ganz sicher auch Machbarkeit, logistische Details sowie die
Nachhaltigkeit der Vorhaben" beinhalte.
Sechs Monate später, im Jänner
1999, präsentierte Lorenz, nun zum Leiter der ORF-Hauptabteilung Planung und
Koordination bestellt, dem Gemeinderat sein rund 100 Seiten umfassendes
"Basiskonzept", das ein paar Weisheiten, die einer Drohung gleichkamen ("2003
lässt sich nicht verschieben"), beinhaltete und "Im Namen der Windrose" hieß.
Lorenz wollte diesen zwar positiv interpretiert wissen. Doch eine Windrose ziert
auch das Logo der Nato, die damals Serbien bombardierte. Den Slogan zog Lorenz
daher schnell wieder zurück. Seine Überlegungen aber wurden gut geheißen: Man
bot ihm eine Verlängerung des Vertrages um eineinhalb Jahre an.
Der
Intendant, der nur die Wochenenden in Graz verbrachte, richtete zwar einen
Programmbeirat (mit vielen Vertrauten wie Gerhard Melzer oder Peter Oswald, den
designierten Intendanten des steirischen herbstes) ein und forderte die Szene
auf, Vorschläge zu machen. Doch bezüglich seines persönlichen Engagements hielt
er sich zurück. Schließlich hatte er von Beginn an gefordert, bis 2003 ein
Kunsthaus gestellt zu bekommen.
Streit um ein
Kunsthaus
Hier ist nun ein Exkurs notwendig: Seit 1985 wollte
Landeshauptmann Josef Krainer (VP) - auf Anregung des Künstlers und
manuskripte-Mitherausgebers Günther Waldorf - im Pfauengarten, einem als
Parkplatz genutzten Areal, ein Kunsthaus errichten lassen, das dereinst
trigon-Museum heißen sollte. Doch sein Gegenspieler und Stellvertreter Peter
Schachner-Blazizek (SP) verweigerte dem "Krainer-Mausoleum", wie er es nannte,
seine Zustimmung. Als er dann ab 1995 selbst für die Kulturpolitik zuständig
war, wollte er zwar doch ein solches Haus, aber anderswo: Schachner setzte sich
über ein Gutachten hinweg, das den Pfauengarten als geeignetsten Standort
auswies, und kaprizierte sich auf das Herzstück der Altstadt, den
Schlossbergplatz gleich neben der Neuen Galerie. Gegen dieses Vorhaben sprach
sich nun die Volkspartei aus.
Schachner musste daher einen Pakt mit den
Freiheitlichen eingehen: Der Wettbewerb wurde 1997 ausgelobt. Und endete mit
einem Desaster, weil das von der Jury erstgereihte Projekt auf ziemlich
einhellige Ablehnung stieß. Selbst Peter Weibel, der als Chefkurator der Neuen
Galerie Schachner zum hoch sensiblen Standort geraten hatte, sprach sich
vehement gegen den "Käsewürfel" von Jürg Weber aus - und präsentierte im Mai
1998 einen radikalen Vorschlag des britischen Stararchitekten Peter Cook. Doch
zu diesem Zeitpunkt war der Standort politisch bereits tot: Die Freiheitlichen
hatten begonnen, das Volk zu mobilisieren. Und 84,3 Prozent der Grazer stimmten
bei einer Befragung im Oktober gegen den Schlossbergplatz, worauf sich Schachner
schmollend zurückzog. Nun war es an der Stadt, ein Kunsthaus zu realisieren. Und
sie entschied sich für einen neuen Standort, das Eiserne Haus samt den
umliegenden Grundstücken am rechten Murufer. Die Wahl schien wohlbegründet:
Einerseits war das Gebiet ziemlich heruntergekommen. Andererseits gab es keine
derart rigiden Denkmalschutzauflagen wie in der Altstadt, die im Dezember 1999
zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte.
"Leckere"
Geldsummen
Lorenz hätte zwar ein den Fluss überspannendes
Kunsthaus lieber gesehen. Aber er fand auch das Eiserne Haus okay. Und als die
Stadt im August 1999 die Liegenschaften erwarb, wollte er sich nicht mehr
"zieren wie eine Madonna" - und unterschrieb den bis April 2001 laufenden
Vertrag. Zumal das Budget - je 250 Millionen Schilling von der Stadt Graz, dem
Land Steiermark und dem Bund, zusammen eine "leckere Summe" - den Vorstellungen
entsprechend ausfallen werde und sich seine Rezeptur für die Kulturhauptstadt
als richtig erweisen würde: Der Programmbeirat verfügte bereits über 180
Projektideen.
Eine von diesen hatte es Lorenz ganz besonders angetan:
eine Insel aus Stahl und Glas des US-Künstlers Vito Acconci als verbindendes
Element zwischen den beiden durch die Mur getrennten Stadtteilen. Sie sei "ein
so großes Brötchen, wie wir es eigentlich backen wollen", sagte Lorenz bei der
Erstpräsentation der "Piazza für ein neues Millennium", die angeblich eigens für
Graz kreiert worden sei. Das Modell der muschelförmigen,
zur Hälfte
überdachten Insel sah als Zu-und Abgänge gebogene Röhren vor - unter der
Wasseroberfläche. Doch die Mur führt fast nie einen derart hohen Wasserstand,
dass sich das Projekt mit den "Tubes" hätte umsetzen lassen. Lorenz hielt an der
künstlichen Insel, die 5,1 Millionen Euro kosten würde, dennoch fest. Eine
Adaption auf Grazer Verhältnisse - "Redesign" genannt - tat daher Not. Aber
diese folgte erst im Jahr 2000.
Im Herbst 1999 lobte die Stadt den
Kunsthaus-Wettbewerb aus. Und Lorenz stellte sein erstes Programmbuch mit rund
100 Projektskizzen vor. Unter diesen befanden sich auch etliche Ausstellungen
wie Wunderkammer Europas, Homo ludens, Sammlung Dichand oder eine internationale
Schau "zur zeitgenössischen Kunst, die so aktuell sein soll, dass sich eine
Beschreibung aus dem Jahr 1999 heraus schlicht verbietet". Sie wurden im
Endeffekt nicht realisiert. Wie so manch anderes Projekt auch: Fallen ließ
Lorenz beispielsweise das Lasersignal Satscraper, den Themenpark Literatur, die
Reihe der Kulturfeste und die Gründung eines Forschungszentrums für
Menschenrechte und Demokratie.
Weil sich die Vorhaben zum Teil als zu
teuer herausstellten, oder weil sie, wie Lorenz meinte, gegen "bessere" Ideen
ausgetauscht wurden: Graz 2003 sei ein Work in Progress. "Es wäre ja auch
ziemlich fantasielos, wenn man die Chance, klüger zu werden, nicht nützen
würde." Die eine oder andere "Schnapsidee" hätte ihm zudem der Programmbeirat
ausgetrieben: "Insofern haben wir uns ein bisschen verändert, was Details
betrifft. Von der Grundhaltung her aber nicht." Auch konnte Lorenz mitunter nur
Anregungen liefern - und die wurden eben nicht immer aufgegriffen: Der
Autobahnknoten Webling blieb "ein Manifest zivilisatorischer
Hoffnungslosigkeit", die Plattform für neue Medien fiel den Baukosten des
Kunsthauses zum Opfer.
Die Entscheidung zugunsten des raffinierten
Projekts von Peter Cook und Colin Fournier - eine scheinbar schwebende Blase mit
einer blauen Haut aus Acryl - wurde im April 2000 gefällt. Und
verblüffenderweise durchwegs positiv aufgenommen. Lorenz und sein Arbeitskreis
arbeiteten unterdessen an den Projektskizzen. Ein stilles Jahr für die
Kulturhauptstadt, könnte man meinen. Doch es kam anders: Graz 2003 kam in die
Krise.
Eskalierende Konflikte
Im Jänner hatte
Gerbert Schwaighofer, bis dahin Verwaltungsdirektor des Linzer Landestheaters,
seinen Job als Geschäftsführer der neu gegründeten Organisationsgesellschaft
aufgenommen. Er war der deklarierte Wunschkandidat von Lorenz gewesen, der sich
im Herbst 1999 nicht an die Reihung des Dreiervorschlags - mit Eberhard
Schrempf, dem technischen Direktor des steirischen herbstes, als Erstplatzierten
- gehalten hatte: Aber schon bald bereute Lorenz seine Entscheidung.
Der
Konflikt mit Schwaighofer eskalierte rund um das Corporate Design, das DMC im
Jahr zuvor mehr oder weniger im Direktauftrag des Intendanten entwickelt hatte.
Lorenz kannte die von Neville Brody gegründete Agentur ausgesprochen gut:
Zusammen zeichneten sie Anfang der 90er-Jahre für das Redesign des ORF
verantwortlich.
Und nun bestand der "Rangler und Raufer" darauf, dass DMC
auch zum Wettbewerb bezüglich der Werbestrategie eingeladen werde. Aber
Schwaighofer sträubte sich. Weil er für das Corporate Design samt Logo fünf
Millionen Schilling hätte zahlen sollen, eine Summe, die ihm viel zu hoch
erschien. Nur in zähen Verhandlungen sei es ihm gelungen, das Honorar auf 2,5
Millionen zu drücken - gegen den Widerstand von Lorenz, der DMC den Rücken
gestärkt habe. Dabei sei er, Schwaighofer, für das Marketing verantwortlich. Und
nicht Lorenz.
Schon nach einem halben Jahr wurde es dem für seine
markigen Sprüche bekannten Intendanten zu bunt: In einem neunseitigen Brief
informierte er den Bürgermeister, dass "eine Fortsetzung meiner Tätigkeit auf
der derzeitigen Basis unmöglich" sei. Schwaighofer habe "nie verstanden, wovon
ich rede - und er wird es nie verstehen, uns trennen Welten".
Gegenüber
dem STANDARD drückte sich Lorenz damals weit drastischer aus. Was zur Folge
hatte, dass Schwaighofer ihn klagte. Aber mit seiner Er-oder-ich-Taktik war dem
Intendanten Erfolg beschieden. Auch deshalb, weil er über seine VP-Verbindungen
erfahren hatte, dass Schwaighofer Gespräche über die kaufmännische Leitung der
Salzburger Festspiele führte, und diese Illoyalität öffentlich geißelte. Die
Stadtväter beschlossen daher im September, sich von Schwaighofer zu trennen, und
zahlten ihn notgedrungen aus.
Überflüssige
Hearings
Die Leitung der GmbH wurde daraufhin erneut
ausgeschrieben, und Lorenz besetzte nach seinen Wünschen. Das Hearing dürfte
eher überflüssig gewesen sein. Mit Jänner 2001 übernahmen Manfred Gaulhofer
(Finanzen, Organisation) und Eberhard Schrempf (Produktion, Programmgestaltung
und stellvertretender Intendant) die Geschäftsführung.
Sie hatten, weil
es zu erheblichen Verzögerungen gekommen war, alle Hände voll zu tun und eine
ziemlich undankbare Aufgabe vor sich. Schließlich waren mittlerweile 350
Projekte eingereicht worden. Und nur rund 70 wollte Lorenz weiterverfolgen, was
eine Flut von Absagebriefen bedeutete. Dementsprechend erhitzt war die Stimmung
in der Grazer Kulturszene. Manche, wie Peter Weibel, Emil Breisach und Alfred
Kolleritsch, machten sich gehörig Luft.
Lorenz aber konterte geschickt:
"Das wäre mir zu eng gewesen: Alles, was in Graz und um Graz herum in Sachen
Kultur schon da ist, verpflichtend in das Programm zu integrieren. Natürlich
muss man wissen, wo man ist. Aber nur mit dem Ort zu arbeiten - und Europa
auszusperren: Das ist eine Anmutung, die mir nicht gefällt. Ich habe mir
erlaubt, auch Europa einzubeziehen, denn sonst wäre Graz bestenfalls die
Kulturhauptstadt Österreichs - und nicht Europas. Und das ist ein ziemlicher
Unterschied."
Bei der Graz-2003-Präsentation im April 2001 wurde zwar
noch eifrig geätzt. Schließlich hatte Lorenz das Landesstudio, seine ehemalige
Wirkungsstätte, anmieten lassen. Die Gäste wurden nach Wichtigkeit platziert,
und Karin Resetarits, die Lieblingsmoderatorin des Ex-ORF-Kulturchefs, führte
durch die Show. Aber das Programmbuch 2, ursprünglich für Oktober 2000
angekündigt, überzeugte. Und der Slogan der Imagekampagne impfte ein neues
Selbstbewusstsein ein: "Graz. Wer hätte das gedacht."
Der Vertrag von
Lorenz wurde bis über das Jahr 2003 hinaus verlängert. Der Widerstand brach in
sich zusammen: Die einen resignierten, die anderen entdeckten, dass etwas
weiterging in Graz. Nach den Plänen von Klaus Kada wurde die Stadthalle mit
einem atemberaubend weit auskragenden Vordach realisiert. Der Bund beteiligte
sich nun definitiv an den Baukosten für das Kunsthaus, dessen Fertigstellung mit
Herbst 2003 immer konkreter erschien. Zudem ließ die Stadt nicht nur den
Hauptplatz neu gestalten, sondern begann auch, das ehemalige Kulturhaus in ein
Literaturhaus umzubauen.
Stimmungsdämpfer
Die
positive Stimmung erhielt auch keinen gravierenden Dämpfer, als der Bund im
Oktober 2001 bekannt gab, seine Subvention für die Kulturhauptstadt von einst
zugesicherten 18,17 Millionen Euro um 25 Prozent zu kürzen. Nicht einmal Lorenz
spielte Rumpelstilzchen: Er nahm die Tatsache zur Kenntnis. Und die Kunst im
öffentlichen Raum gewann zunehmend an Bedeutung: Flora Neuwirth entwarf ein
Farbkonzept für den Flughafen, Peter Kogler tapezierte die Halle des frisch
renovierten Hauptbahnhofes mit seinen computergenerierten Wülsten. Unmittelbar
hinter dem Uhrturm, dem Wahrzeichen der Stadt, erhebt sich jetzt eine
bedrohliche Kopie aus schwarz lackiertem Aluminium von Markus Wilfling, in der
Mur schwimmt die Insel von Vito Acconci, beim Eisernen Tor führt ein Lift, der
Marienlift von Richard Kriesche, zur Madonna auf der Pestsäule. An den
Autobahnen weisen riesige Installationen auf die Kulturstadt hin, und am
Stadtrand entstand über Vermittlung von Schrempf in Rekordzeit die List-Halle,
in der in Zukunft die Produktionen des steirischen herbstes und der styriarte zu
sehen sein werden.
Nach wie vor ist für Lorenz die Nachhaltigkeit das
zentrale Anliegen: "Graz 2003 ist geglückt, wenn die Stadt, die in den letzten
zehn, zwanzig Jahren einen Durchhänger hatte, wieder an sich glaubt. Mich
interessiert die Frage, ob man die Gesellschaft durch Kultur oder auch expressis
verbis durch Kunst verändern kann, ungemein. Ich glaube, dass das gelingt. Und
das muss auch gelingen! Denn sonst hätte Graz 2003 nicht wirklich einen Sinn
gehabt. Für mich endet daher Graz 2003 keineswegs am 30. November 2003. Sondern
nie. Hoffentlich." (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)