
Aktionskünstler Nitsch mit
großem Staatspreis prämiert.

Vom Staatsfeind
zum Politikerfreund.
Wien. "Ich nehme diese Auszeichnung gerne
an", erklärte der Aktionskünstler – und triumphierte mit erhobenen Armen:
Am gestrigen Donnerstag wurde Hermann Nitsch mit dem Großen
Österreichischen Staatspreis prämiert. Der mit 30.000 Euro dotierte Preis
ist die höchste Auszeichnung, die die Republik an Künstler vergibt, wird
einmal jährlich verliehen.
Kunststaatssekretär Franz Morak würdigte den 67-jährigen Preisträger
als "Grenzgänger", der die Kunstgeschichte "entscheidend mitgeprägt" hat.
Psychologe Wolfgang Tunner erklärte, Nitschs Werk sei "tief im Kollektiv
begründet" und spannte in seiner Lobrede einen Bogen von der Antike bis
ins Heute.
Hermann Nitsch setzt den Wiener Aktionismus mit seinem 1958 angedachten
Orgien Mysterien Theater mit bis jetzt 122 Auftritten fort. Vom eher
privaten Treffen in Kellern über Galerien und Museen bis in Burg und Oper
hat er einen weiten Bogen gespannt, der ihn vom Staatsfeind zum
Politikerfreund werden ließ. Nach zwei Documenta-Beiträgen war er in den
80er- und 90er-Jahren immer noch für Skandale gut, etwa im Zusammenhang
mit seiner umstrittenen Ernennung zum Professor der Städelschule in
Frankfurt. Die Polarisierungen rund um seine Kunst und Person sind dabei
abzulehnen, stehen doch auf einer Seite falsche Anschuldigungen als
Gotteslästerer, Pornograf und Tierquäler, auf der anderen allzu
enthusiastische Verehrer bis Jünger.
Ergraute Erlösung
Die kritische Einordnung in die Kunstgeschichte steht seinem Werk noch
bevor, auch wenn zahlreiche Dissertationen, auch in Musik- und
Theaterwissenschaft bereits geschrieben sind. In jüngster Zeit wird Nitsch
– zuletzt durch Antonio Fian – unter die rückwärtsgewandten
"Erlöserkünstler" eingereiht. Er hat darauf empört mit seiner "jeder
künstler ist ein erlöser"-Überzeugung reagiert und den verzweifelten
Versuch nicht ausgelassen, Kunst immer noch als "neue religiöse auffassung
. . . jenseits des gottesbegriffs" in der Gesellschaft verankern zu
wollen. Doch dieser Weg ist eine Einbahnstraße.
Die postmodernen Mixturen aus portioniertem Richard Wagner
(Gesamtkunstwerk), Friedrich Nietzsche (Geniekult), Stefan George
(gnostische Lebensliturgie) und Antonin Artaud (Theater der Grausamkeit)
ziehen in der jungen Künstlergeneration nicht mehr. Letztlich fällt auch
die Abreaktionstheorie des Künstlers noch hinter die überholte
Hysterielehre Freuds zurück.
Eigentlich haben schon Aristoteles und Platon kleinere Dosen an
kathartischer Bewusstwerdung durch Tragödien empfohlen; von den
sublimierten Ritualen der katholischen Kirche ganz abgesehen. Bluttaufe,
dionysische Lammzerreißung und andere rituelle Exzesse der geheimen
Mysterienkulte werden von Nitsch in die Realitäten von Erntedankfest,
Schlachtung und Heurigenseligkeit zurückgeordnet. Kakophonie und Symphonie
werden von ihm als oberstem Zeremonienmeister nebst Fackelzügen und
Prozessionen veranstaltet – und weil alles Chaos auch kriegerisch ist,
zermalmt er als großer Panzerfahrer schon eimal Gedärm und Blut im
Erdreich.
Ohne große Töchter
Die Anhänger einer sich perpetuierenden romantischen Vorstellung, dass
Kunst Menschen erlöst oder besser macht, finden sich auch in der mächtigen
Bruderschaft des Kunstsenats, der die Staatspreis-Träger vorschlägt. Dort
sitzt eine einzige Künstlerin, Maria Lassnig, ganz im Sinne der
Bundeshymne vom Land der "großen Söhne": Töchter gibt’s im Kunstreich
scheinbar keine.
Kleiner Versuch zum Abschluss: mit weniger Skandalen, aber einem
wesentlichen, bis heute aktuellen, vielschichtigen Beitrag hat Valie
EXPORT den Aktionismus bereichert. Darüber hinaus hat sie aber auch in
experimentellen Werken zu Fotografie und Film als eine Begründerin der
Neuen Medien das künstlerische Feld für die jüngeren Generationen
erweitert und aufbereitet. Zukunftsweisend wäre ihre Wahl gewesen.
Freitag, 16. Dezember
2005