| Salzburger Nachrichten am 12. April 2006 - Bereich: Kultur
Das Kreuzsymbol entfachte einen Kunstskandal Die ARGEkultur hat eine
umstrittene Karfreitagsprozession mit der polnischen Künstlerin Dorota
Nieznalska abgesagt
SALZBURG (SN-hb). In Salzburg hat in den vergangenen Tagen eine
geplante Kunstaktion der ARGEkultur am Karfreitag zu heftigen politischen
und kirchlichen Debatten geführt. In einem "Stationendrama" von Marcus
Hank, dem Leiter der ARGE, sollte mit der polnischen Künstlerin Dorota
Nieznalska eine Prozession von der Altstadt ins Nonntal, zum neuen
ARGE-Haus, stattfinden. Dabei sollte ein Kreuz getragen werden, und neben
ihm sollte die eine mehr oder minder bekleidete Frau mit der Aufschrift
"Opfer" gehen. Die Aktion im Rahmen der 6. Performancetage wollte das
Opferbild und den Opferbegriff sowie deren Ge- und Missbrauch in einer
säkularisierten Welt thematisieren. Nähere inhaltliche Angaben wollte Hank
nicht machen. Es läge im Wesen einer Performance, dass sich die Aktion
erst im Moment der Aufführung konkretisiere. Am Dienstag haben die Veranstalter die Prozession von sich aus
abgesagt. Der Hauptgrund waren Sicherheitsbedenken. Die Behörde habe die
Aktion jedenfalls nicht untersagt. In Mails und Anrufen sei, so berichtete der ARGE-Leiter, die
"Kreuzigung" der Darstellerinnen und Darsteller gefordert worden. Offen
wurde mit "physischer Gewalt" gedroht, wenn die "Polaken-Sau" nach
Salzburg komme. Man werde gegen solche Aussagen auch Anzeige
erstatten. Hank ortete seinerseits "Spott und Diffamierung, moderne Inquisition
und Hexenverfolgung" in der boulevardmedialen Darstellung der Aktion und
dem Verhalten des ÖVP-Gemeinderatsklubs. Erzbischof Kothgasser hatte als Erster scharfe Kritik an der
"Prozession" geübt. Er bezeichnete sie am Freitag als eine "arge
Provokation" für den christlichen Glauben und die religiösen Gefühle sehr
vieler Menschen. Die Freiheit von Kunst und Kultur stellte der Erzbischof
nicht in Abrede, doch sei "zu hinterfragen, ob solche Freiheit religiöse
Grundwerte in so eklatanter Form verletzen darf". Demgegenüber betonte die evangelische Superintendentin Luise Müller am
Montag, sie könne die Provokation der Performance erst dann feststellen,
nachdem sie sie erlebt habe. Ob Zeit und Ort klug gewählt gewesen seien,
bleibe aber dahingestellt. Die Stadt-ÖVP hatte die sofortige Absage der Aktion gefordert,
ÖVP-Klubchefin Claudia Schmidt einen Resolutionsentwurf vorbereitet. ARGE-Chef Hank entlässt aber auch "die Mächtigen der SPÖ" in der Stadt
nicht aus der Verantwortung. Sie hätten "vor einer Allmacht der
Subventionsvergabe gewarnt und der Freiheit der Kunst abermals keinen
Dienst erwiesen", heißt es in einer Pressemitteilung. |