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Kunstberichte

Modelle einer kritischen Gegenwartskunst

Ausstellung
Illustration
- Ein Still aus Andrea Bowers’ Aids-Projekt.  Foto: Secession

Ein Still aus Andrea Bowers’ Aids-Projekt. Foto: Secession

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Der im englischen Sprach raum vertraute Klassiker der Weltliteratur "The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentlemen" von Laurence Sterne aus dem 18. Jahrhundert interessierte schon Kunsthistorikergrößen wie Werner Hofmann. Die Ausstellung der starken Bezüge zur Gegenwartskunst hat Helmut Draxler nun mit "Shandyismus. Autorschaft als Genre" für den Hauptraum der Secession kuratiert und greift damit auf die in den achtziger und neunziger Jahren beliebte Tradition aufwändiger Themenschauen zurück.

Das Experimentelle, Ironische, Abweichlerische wird im Buch auf drei Ebenen dargestellt mit schwarzen Seiten, unauflösbaren Diagrammen und einer Hauptfigur, die als Autor selbst erst gegen Ende der in Seitenwegen laufenden Erzählung erscheint.

In der Secession behandeln Vitrinen, Wandtexte und Diagramme acht Recherchen zum Roman. Dazu sind moderne Klassiker von Marcel Duchamp und Max Bill über Marcel Broodthears, Franz West, bis Michael Kippenberger, Jutta Koether und Louise Lawler mit ihren Werken eingespannt.

Bowers’ Aids-Projekt

Eine weitere Ebene kommt durch extra konzipierte Eingriffe, etwa von Josef Strau, Sergej Jensen und einigen Künstlerkollektiven, zustande. Das Ergebnis ist spannend und kritisch gegenüber dem Ausstellungszirkus heute, es klärt Besucher auch über den Kult des nicht Verständlichen auf. Ein methodisch einwandfreies Vergnügen!

Das Projekt von Andrea Bowers aus Los Angeles in der Galerie umkreist den "Aids Memorial Quilt", ein textiles Großprojekt, das seit 1987 in individuellen Stoffcollagen – je in Größe eines Grabes – der Toten gedenkt, beginnend mit den vorwiegend homosexuellen Opfern in San Francisco.

Nicht die 54 Fußballfelder füllende Gesamtheit, sondern die sich wandelnde Entstehungsgeschichte zu neuerlichem Verschweigen, interessiert die Künstlerin.

Zuletzt ist ein Video über die minimale, aber subversive Intervention im öffentlichen Raum in Wien durch Leopold Kessler im Grafischen Kabinett situiert. Lücken und Löcher in der Organisation des Stadtraums werden vom Künstler durch einen verbotenen Akt der Perforierung von Straßenschildern ins Bewusstsein gerückt. "Perforation Kal.10mm" findet in blauem Arbeitskittel in den Morgenstunden als minimaler Eingriff statt und wird mit einer Amtshandlung verwechselt. Hier schließt sich der Kreis zu Laurence Sterne.

Shandyismus

Andrea Bowers,

Leopold Kessler

Secession

Zu sehen bis 15. April

Selbstreflexionskunst.

Mittwoch, 21. Februar 2007


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