Die Presse: Es gibt eine Novelle zum Kunstrestitutionsgesetz. Die Sammlung Leopold, die Sie und die Grünen zuletzt wegen des Besitzes von Raubkunst heftig angegriffen haben, bleibt ausgespart. Sind Sie enttäuscht?
Ariel Muzicant: Nein. Wir sind sehr zufrieden und dankbar. Die Leopold-Sammlung bleibt auch nicht ausgespart, sondern es ist eindeutig Bewegung in die Sache gekommen. Die Provenienzforschung des Museums wird neu aufgerollt. Herr Leopold ist im Besitz von unendlich vielen Informationen. Er hat auch alle Unterlagen. Die soll er zur Verfügung stellen. Sonst werden sich die Provenienzforscher unendlich schwertun...
Leopold sagt, er habe alles im guten Glauben erworben – das entspricht auch einem österreichischen Rechtsgrundsatz.
Muzicant: Wenn ein Bild geraubt wurde, ist es Raubkunst. Punkt. Wenn dieses Bild von A an B verkauft wurde, und B hat es an Leopold verkauft, ändert das nichts daran, dass dieses Bild Raubkunst ist. Ob Herr Leopold es in gutem Glauben gekauft hat oder nicht, ist nicht die Frage. Ich weiß, ich bin hier in einem Konflikt. Meine Sichtweise ist die internationale bzw. die angelsächsische und nicht unbedingt die österreichische. Der Fall Leopold ist insofern schwerwiegend, als er genau wusste, wem die Bilder ursprünglich gehört haben. Er wollte sie unbedingt haben. Er ist ein manischer Sammler.
Aber wohl kaum der einzige. Es kann doch nicht sein, dass nur Leopold in seiner Sammlung arisierte Kunstwerke hat. Was ist mit dem verstorbenen Serge Sabarsky, der Schiele gesammelt hat, oder mit Ronald Lauder, der in New York ein eigenes Museum für Klimt und Schiele hat, die Neue Galerie. Was ist mit all den anderen privaten Sammlern?
Muzicant: Es ist ein Unterschied zwischen einer Privatsammlung und der Sammlung Leopold, die mit öffentlichen Mitteln erworben wurde. Die öffentliche Hand hat auch das Museum gebaut und betreibt es. Lauder ist ein Problem der New Yorker. Natürlich ist Leopold kein Einzelfall. Es gibt jede Menge andere. Aber das heißt jetzt nicht, weil es die anderen gibt, darf es auch Leopold geben. Obwohl er alle Fakten kennt und die Dokumente besitzt, gibt er sie immer nur zitzerlweise heraus. Er gibt seit Jahren immer nur das zu, was man ihm bewiesen hat.
Auslöser für die jetzige Debatte war die laufende Egger-Lienz-Schau im Leopold-Museum. Leopold bzw. die Stiftung sagt, man kann nicht Leihgeber brüskieren, indem man bei den Bildern, die man sich von ihnen ausborgt, dazuschreibt, dass sie zweifelhaft sind.
Muzicant: Das ist eine Lüge. Wir wissen, dass die Leihgeber froh gewesen wären, wenn die Provenienzen dabei gestanden wären. Den Tirolern wäre es lieber gewesen, wenn die Wahrheit über die Bilder in der Ausstellung aufgeschienen wäre, dann würden sie jetzt nicht durch den Kakao gezogen. Die Leihgeber sind massivst um die Aufarbeitung der Provenienzen bemüht. Es läuft nicht überall optimal, aber es geschieht sehr viel. Und Leopold nimmt einfach die 14 Bilder und tut so, als ob alles bestens wäre.
Leopold war bei Ihnen und wollte für Schieles „Häuser am Meer“ aus der Sammlung Jenny Steiner zahlen. Das haben Sie aber abgelehnt, weil der Betrag zu niedrig war.
Muzicant: Leopold war vor vielen Jahren bei mir und hat mir einen Vorschlag unterbreitet, den ich als unlauter empfunden habe. Ich habe gesagt, ich gebe das weiter an die Erben. Damit war das Gespräch beendet. Prinzipiell finde ich so einen Kuhhandel nicht in Ordnung. Das tut man nicht. Man sagt nicht zu Opfern oder deren Nachfahren, ich finde euch ab mit irgendeiner Summe, und dann gebt Ruhe. Wir haben den Erben damals auch gesagt, wir empfehlen euch, solche Dinge nicht zu machen. Denn das ist genau dieselbe Mauschlerei wie sie 1948 passiert ist...
Bekommt die IKG Honorare, wenn Sie für Restitutionen kämpft – so wie die Anwälte?
Muzicant: Im Prinzip haben wir ausgeschlossen, dass wir Prozent-Lösungen machen. Wir treten in Vorlage, wir übernehmen die Spesen, die lassen wir uns abgelten. Aber wir machen daraus kein Geschäft.
Meistens, wenn etwas zurückgegeben wird, kommt es sofort zum Auktionshaus. Schade, sagen Kritiker, weil die Kunstwerke dann oft nicht mehr öffentlich zugänglich sind.
Muzicant: Verkauft wird wegen der vielen Erben. Wenn es 30 Erben gibt, kann man die Bilder nicht in 30 Teile zerschneiden. Wir empfehlen die Auktion, denn damit ist größtmögliche Transparenz gewährleistet. In die Klimt-Geschichte waren wir nicht involviert. Aber wären wir involviert gewesen, hätten wir uns darum bemüht, dass alle Bilder in eine öffentliche Auktion kommen. Unsere Linie ist ganz strikt: Wir lassen keine Insider-Deals zu. Wir versuchen, alles in Form öffentlicher Verfahren abzuwickeln.
Was schätzen Sie, wie viele Bilder aus der Leopold-Sammlung werden zurückgegeben werden müssen, falls die Leopold-Stiftung eines Tages unter das Kunstrückgabegesetz fällt? Nach dem von der IKG in Auftrag gegebenen Gutachten von Georg Graf sind es elf.
Muzicant: Ich bin kein Prophet. Die Wahrscheinlichkeit, dass es über die elf Bilder hinaus noch welche gibt, ist sehr, sehr groß. Es müssen nicht lauter Gemälde sein. Es können auch Zeichnungen oder sogar nicht sehr wertvolle Skizzen sein. Das Problem, wie wir es sehen, und das wird uns nicht immer geglaubt, ist nicht die Frage des Wertes, sondern der Gerechtigkeit...
Manche Leute sagen, Muzicant und die IKG kümmern sich nur um die Reichen.
Muzicant: Ich habe den Leserbrief in der „Presse“ gelesen. Ich wollte ihn beantworten, ich habe es dann gelassen. Es gibt Menschen, die einfach nicht gerecht sind. Dass zweimal 1,2 Milliarden Euro lockergemacht wurden, von denen drei Viertel an Bedürftige gegangen sind, das will dieser Leserbriefschreiber nicht wahrhaben.
Sind Sie jetzt unterm Strich zufrieden oder unzufrieden mit den Entschädigungszahlungen von Österreich an NS-Opfer?
Muzicant: Das Glas ist halb voll. Ich bin höchst erfreut. 70 Jahre nach dem Anschluss haben wir etwas erreicht, wovon die IKG 1955 nicht einmal träumen konnte. Auch aus der Sicht der Republik kann man sagen: Es wurde viel getan. Aus der Sicht der Opfer stellt sich die Lage anders dar: Die Menschen haben nach Schätzungen nur acht bis zwölf Prozent des gestohlenen Vermögens restituiert oder entschädigt bekommen. Private Arisierungen in Österreich sind nach wie vor nicht rückgängig gemacht worden. Und von 130.000 Opfern haben 115.000 die Entschädigungen nicht mehr erlebt. Das wäre 1955 ganz anders gewesen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2008)
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