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Kühne Träume und schöne Aussichten

28. September 2011 20:43
  • Artikelbild: Seit Andrej Kuskin das Schlafzimmer verhängt hat, ist Schluss mit der 
schönen Aussicht auf den Kreml.  - Foto: Österreichisches Kulturforum

    Seit Andrej Kuskin das Schlafzimmer verhängt hat, ist Schluss mit der schönen Aussicht auf den Kreml.

Der Leiter des Österreichischen Kulturforums in Moskau verwandelt seine Privat- in Kunsträume

Moskau - Die Art Moskau ist zwar schon zu Ende gegangen, der Wiener Galerist Hans Knoll, standhafter Qualitätlieferant und einziger Teilnehmer aus Österreich, wieder nach Hause zurückgekehrt. Große Geschäfte waren nicht drin, obwohl bei Knolls russischen Kollegen allerhand pralle Nacktmalerei nach Oligarchengeschmack als Köder ausgelegt war. Doch reiche Russen kaufen Kunst lieber nicht in Moskau, sondern auf Messen in Europa und den USA.

Doch dieser Tage ist Moskau Kunstmetropole, in dutzenden Kunstinstitutionen, Galerien, Ausstellungsräumen, Projekten wird das Biennale-Thema Rewriting Worlds weitergesponnen. Auch in einem Wohnhaus am Fluss, das in der Stalin-Ära Geschichte schrieb. Der frühkonstruktivistische Bau am Ufer der Moskwa beherbergte seinerzeit die stalinistische Nomenklatura; und hunderte Menschen wurden von hier in sibirische Arbeitslager deportiert.

Längst wird die Geschichte des Hauses umgeschrieben, nun lebt eine wohlhabende Mittelschicht hier, Intellektuelle, Künstler, Lehrer. Und der österreichische Kulturattaché wohnt auch hier, mit prächtigem Ausblick auf den Kreml. Mangels eines Ausstellungsraumes des Österreichischen Kulturforums hat dessen Leiter Simon Mraz kurzerhand seine privaten Räumlichkeiten österreichischen und russischen Künstlern geöffnet und damit- auch - einer alten Geschichte ein neues Kapitel hinzugefügt: Denn unter Stalin nutzte der künstlerische Untergrund Wohnzimmer-Ausstellungen für subversive Treffen.

Schöne Aussichten nennt Mraz voll Zweideutigkeit nun seine gelungene Biennale-Satellitenveranstaltung, zu deren Eröffnung halb Moskau drängte. Sogar Stella Kesaeva, die Präsidentin der Stella Art Foundation, stöckelte herbei, nachdem ihr von Botschafterin Margot Klestil-Löffler das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst umgehängt worden war.

25 Kunstchaffende haben also auf knapp 120 Quadratmetern interveniert, collagiert und installiert, Wände bemalt, Räume verhängt, Skulpturen aufgestellt, Stromverteiler an die Mauer geheftet (Valentin Ruhry), Manifeste verfasst, Videos gedreht, Fotos neureicher Schnöselkinder (Anna Skladmann) und russischer Veteranen (Evgeny Ivanov) aufgehängt sowie dem Hausherrn ein paar zusammengeschweißte und mit Gips befüllte Schuhe vor die Tür gestellt (Alexander Povzner).

Mit der schönen Aussicht hat der Performancekünstler Andrej Kuskin allerdings radikal Schluss gemacht, Zimmer und Fenster mit schwarz bemaltem Cellophan verhüllt, auf das er all das naturgetreu abgezeichnet hat, was sich dahinter versteckt.

Schöner Schein, mit Spuren von Gewalt und Zerstörung: Eva Chytileks Luster besteht bei genauem Hinsehen aus zerbrochenen und mühevoll wieder zusammengefügten Glühlampen: eine beklemmend schöne Metapher auf das Haus und seine Geschichte. Luxury tranquilizes our revolution hat Maria Anwander hinter mit Markennamen beschrifteten Absperrbändern an die Wand geschmiert. Lukas Pusch zeigt Dokumente einer Kunstprozession, die er 2005 gemeinsam mit russischen Künstlerkollegen in Nowosibirsk veranstaltet hat. Den ost-westlichen Kulturaustausch pflegt auch Katrin Hornek, Sie hat Österreicher interviewt, die in Jurten leben und Mongolen, die aufs Einfamilienhaus sparen wollen. Roswitha Schuller & Markus Hanakam erinnern mit einem Sitzmöbel, das wie ein Tortenstück aussieht, an stalinistische Zuckerbäckerarchitektur.

Irgendwann, Ende Oktober, darf Simon Mraz dann sicher auch wieder sein Bett nutzen, das Alfredo Barsuglia derzeit an die Wand gelehnt hat, auf die er den Fluchtweg in eine Traumwelt gepinselt hat. "Jeder Traum ist auch ein Stück Wirklichkeit.... Und kein Traum ist völlig Traum." Schnitzlers Traumnovelle könnte Simon Mraz durchaus als Leitmotiv für sein kühnes Unterfangen gedient haben. (asch / DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2011)

Zum Weiterlesen:
Zeitgenössische Kunstspuren durch Moskau
Bis Ende Oktober findet die vierte Moskau-Biennale statt: Kurator Peter Weibel hat Kunst aller Sparten und Erdteile in Russlands Hauptstadt gebracht

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