Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Eine Nachtfrau mit schwarzem Honig

Die Galerie Winter in Wien-Neubau zeigt Werke von Birgit Jürgenssen
Illustration
- Birgit Jürgenssens „Ich möchte hier raus“ aus 1976.  Foto: Galerie Hubert Winter

Birgit Jürgenssens „Ich möchte hier raus“ aus 1976. Foto: Galerie Hubert Winter

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Fotografische Techniken und die Zeichnung waren Schwerpunkte im Werk der 2003 früh verstorbenen Künstlerin Birgit Jürgenssen, die auch durch ihre Objekte "Schuhsessel" von 1974 und "Küchenschürze" von 1975 längst internationalen Ruf hat. Um ihren Stellenwert in Österreich klarer zu positionieren zeigt die Galerie Hubert Winter Fotos, Rayogramme, Polaroids und Solargrafiken aus diesen Jahren.

Kein leichtes Unterfangen, diese erste Schau nach ihrem Tod, denn die Künstlerin hatte klare Konzepte und kombinatorische Hängungen für jede ihrer Ausstellungen.

Die Vorwegnahme der Genderdebatte aus den USA wird hier ebenso deutlich wie Parallelen in der Arbeitsweise durch Selbst-Inszenierungen bei Cindy Sherman oder feministischen Themen einer Rosemarie Trockel. Jedoch zeichnet sich Jürgenssen schon durch den Eigensinn, mehrere Medien zu bespielen, Übergänge zu suchen und zu finden, ganz besonders aus. Das war in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Wien noch nicht als Ausstellungspräsentation möglich, weshalb sie Foto und Zeichnung mit Hilfe eines Epidiaskops verband.

Ihre zahlreichen Techniken von Polaroids über Rayogramme bis zur Solargrafiken führten durch zusätzliche Überlappungen zum heute noch aktuellen Diskurs zwischen Malerei und Fotografie. Verführerisch lüftet sie dabei manchen Schleier, um mit kühnem Kalkül Einblicke zu gestatten – an anderer Stelle nützt sie die Metapher des Verhüllens und trotzdem kann der Schalk hinter der Maske sichtbar werden.

Spannend sind ihre Selbstanalysen ab dem Alter von 17 Jahren, die statt öffentlichen Performances erotische Manipulationen und soziale Konnotationen offen legen. Mit Selbstauslöser entzog sie sich vor dem Badezimmerspiegel der Macht eines männlichen Blickwinkels. Während des "Schönmachens" und anderer Alltäglichkeiten inszenierte sie sich mit Kleidern, Fellen und manch tierischem Totenschädel. Doppelprojektion ist wie das Schattenbild auf der eigenen Haut Hinweis darauf, dass ihr die unsichtbaren Beziehungen zwischen den Dingen und zum Betrachter wesentlich sind, als traumhafte Anspielung und nicht nur als sichtbarer Fetisch.

"Ich hinterlasse Spuren auf dem Fotopapier" sagte sie über diese oft nur wie ein Hauch, flüchtig wie Träume, anmutenden wichtigen Arbeiten, die sich gerade durch jene nächtlichen Metaphern von ihren Kolleginnen so stark unterscheiden.

Birgit Jürgenssen

Galerie Hubert Winter

Breite Gasse 17, 1070 Wien

Di - Fr 11 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 14 Uhr

http://www.galeriewinter.at

Bis 13. Jänner

Nacht-Seh-Fahrt.

Donnerstag, 28. Dezember 2006


Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at