Fotografische Techniken und die Zeichnung
waren Schwerpunkte im Werk der 2003 früh verstorbenen Künstlerin Birgit
Jürgenssen, die auch durch ihre Objekte "Schuhsessel" von 1974 und
"Küchenschürze" von 1975 längst internationalen Ruf hat. Um ihren
Stellenwert in Österreich klarer zu positionieren zeigt die Galerie
Hubert Winter Fotos, Rayogramme, Polaroids und Solargrafiken aus diesen
Jahren.
Kein leichtes Unterfangen, diese erste
Schau nach ihrem Tod, denn die Künstlerin hatte klare Konzepte und
kombinatorische Hängungen für jede ihrer Ausstellungen.
Die Vorwegnahme der Genderdebatte aus den USA wird hier ebenso
deutlich wie Parallelen in der Arbeitsweise durch Selbst-Inszenierungen
bei Cindy Sherman oder feministischen Themen einer Rosemarie Trockel.
Jedoch zeichnet sich Jürgenssen schon durch den Eigensinn, mehrere
Medien zu bespielen, Übergänge zu suchen und zu finden, ganz besonders
aus. Das war in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Wien noch nicht
als Ausstellungspräsentation möglich, weshalb sie Foto und Zeichnung
mit Hilfe eines Epidiaskops verband.
Ihre zahlreichen Techniken von Polaroids über Rayogramme bis zur
Solargrafiken führten durch zusätzliche Überlappungen zum heute noch
aktuellen Diskurs zwischen Malerei und Fotografie. Verführerisch lüftet
sie dabei manchen Schleier, um mit kühnem Kalkül Einblicke zu gestatten
– an anderer Stelle nützt sie die Metapher des Verhüllens und trotzdem
kann der Schalk hinter der Maske sichtbar werden.
Spannend sind ihre Selbstanalysen ab dem Alter von 17 Jahren, die
statt öffentlichen Performances erotische Manipulationen und soziale
Konnotationen offen legen. Mit Selbstauslöser entzog sie sich vor dem
Badezimmerspiegel der Macht eines männlichen Blickwinkels. Während des
"Schönmachens" und anderer Alltäglichkeiten inszenierte sie sich mit
Kleidern, Fellen und manch tierischem Totenschädel. Doppelprojektion
ist wie das Schattenbild auf der eigenen Haut Hinweis darauf, dass ihr
die unsichtbaren Beziehungen zwischen den Dingen und zum Betrachter
wesentlich sind, als traumhafte Anspielung und nicht nur als sichtbarer
Fetisch.
"Ich hinterlasse Spuren auf dem Fotopapier" sagte sie über diese oft
nur wie ein Hauch, flüchtig wie Träume, anmutenden wichtigen Arbeiten,
die sich gerade durch jene nächtlichen Metaphern von ihren Kolleginnen
so stark unterscheiden.
Birgit Jürgenssen
Galerie Hubert Winter
Breite Gasse 17, 1070 Wien
Di - Fr 11 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 14 Uhr
http://www.galeriewinter.at
Bis 13. Jänner
Nacht-Seh-Fahrt.
Donnerstag, 28. Dezember 2006