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Kunstberichte

Der Herr der Kurven mag nicht rasten

Mehr als 70 Arbeitsjahren zum Trotz hat der brasilianische Architektur-Papst noch immer keine freie Minute
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- Arbeiten hält jung, ist der fast 100-Jährige überzeugt.

Arbeiten hält jung, ist der fast 100-Jährige überzeugt.

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- Die Reißbrett-Hauptstadt Brasilia entwarf Niemeyer Ende der 50er Jahre.  Fotos: corbis, ap

Die Reißbrett-Hauptstadt Brasilia entwarf Niemeyer Ende der 50er Jahre. Fotos: corbis, ap

Von Emilio Rappold

Aufzählung Oscar Niemeyer feiert seinen 100. Geburtstag.
Aufzählung Star-Architekt, Kommunist und Lebemann.

Rio de Janeiro. (dpa) "Er hat keine freie Minute. Bis Jahresende ist er wegen der vielen Arbeit, der Würdigungen und sonstiger Verpflichtungen ausgebucht", sagt Vera (61), Ehefrau und Sekretärin von Oscar Niemeyer. Der Ruhestand, den er sich wohl längst verdient hätte, bleibt für den brasilianischen Star-Architekten auch wenige Tage vor dem 100. Geburtstag am 15. Dezember ein Fremdwort. Es sei ein Wunder, dass er sich einen Tag freigenommen habe, um den Geburtstag im kleinen Freundeskreis zu feiern, erzählt Vera.

"Arbeiten hält jung, und Älterwerden ist Scheiße", hatte Niemeyer in einem früheren Interview in seiner typischen drastischen Art sein Geheimnis verraten. Und der Herr der Kurven ist nach 70 Arbeitsjahren und mehr als 600 realisierten Projekten immer noch voller Pläne und Tatendrang.

"Das wird das wichtigste Werk meines Lebens", sagte er erst vor wenigen Tagen, als sein Projekt für das größte Kulturzentrum Spaniens in Aviles grünes Licht bekam. Außerdem soll er demnächst den Regierungspalast Planalto in Brasilia renovieren, ein Kulturzentrum in Kasachstan planen und das neue Regierungszentrum des brasilianischen Bundeslandes Minas Gerais bauen.

Zigarren von Fidel

"Ich habe sehr viel Arbeit. Angola will mich mit der Planung der neuen Hauptstadt beauftragen, die viermal so groß wie Brasilia wird. Das wird 16 Jahre dauern, aber vielleicht schaffen wir es schneller", schätzt der Architekt, dessen Körper im Gegensatz zu seinem scharfen Verstand fragil wirkt. Aber immer noch fährt Niemeyer jeden Tag von seiner Wohnung in Ipanema zum Atelier an der Copacabana. Mit Blick auf den Zuckerhut und den sichelförmigen Strand arbeitet er hier sieben Tage die Woche von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends.

Über seine Arbeit spricht der Architektur-Papst aber nur ungern. Leben und Freunde, Strand und Fußball, und "vor allem diese ungerechte Welt, die wir alle verändern müssen", seien wichtiger als Gebäude, betont der überzeugte Kommunist und erklärte "George W. Bush-Hasser", dem Kubas Revolutionsführer Fidel Castro immer noch regelmäßig Zigarren zukommen lässt.

Schon als kleines Kind habe er mit Fingern in der Luft gemalt. "Als ich dann meinen ersten Bleistift bekam, habe ich nie mehr aufgehört zu zeichnen." Die Grundlage seiner Arbeit seien die Kurven, "wie die Kurven der geliebten Frau". Seine Kurven seien nicht mit dem Zirkel gezogen, sondern "frei und sinnlich". Der Mann, der die gerade Linie verabscheut, wurde als eines von sechs Kindern eines deutschstämmigen Kaufmanns in Rio geboren.

Nach dem Studium der Architektur begann durch die Zusammenarbeit mit seinen Vorbildern Lucio Costa und Le Corbusier der Aufstieg. Nachdem er mit dem alten Gesundheitsministerium in Rio (1943) internationales Renommee erlangte, entwarf er 1947 das UNO-Gebäude in New York. Ende der 50er Jahre kreierte er die Reißbrett-Hauptstadt Brasilia. Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde Niemeyer verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt. Im Exil baute er weiter: In Israel, Algerien, Frankreich und beim Wiederaufbau der vom Erdbeben (1972) und Bürgerkrieg zerstörten Hauptstadt Nicaraguas, Managua.

"Am Menschen vorbei"

"Die Architektur darf nicht nur funktionell oder von Dogmatik kastriert sein, sie muss auch schön, kreativ und fantasieanregend sein", sagte Niemeyer einmal. Diese Haltung brachte ihm nicht nur Bewunderer ein. Kritiker bemängeln, dass Niemeyers Bauten den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht würden. Ihm wurde eine seelenlose und zu "kommunistische" Bauweise vorgeworfen. Brasilia zum Beispiel sei eine "Stadt ohne Straßenecken" und Flanierstellen, die nie wirklich zum Leben erweckt worden wäre. "Es gibt keine ideale Architektur, die von allen akzeptiert wird. Das wäre auch zu langweilig", glaubt dagegen der Brasilianer, der wie das Fußballidol Pele zum Synonym seines Landes geworden ist.

"Der Kunde interessiert mich einen Dreck", rutschte es Niemeyer vor Jahren einmal heraus. Dennoch kann er Aufträge und Preise "kaum zählen". Deshalb kümmert sich sein Enkel Cadu darum. Auch andere Mitglieder der großen Familie arbeiten mit dem Patriarchen zusammen. Sie bearbeiten unter anderem die rund 300 E-Mails, die täglich einlangen und in denen Journalisten, Politiker und Kollegen aus aller Welt um Treffen bitten oder Einladungen schicken. Neben Tochter Ana Maria hat Niemeyer fünf Enkel, dreizehn Ur- und fünf Ur-Ur-Enkel. Enkelin Ana Elisa, die einzige Architektin in der Familie, klagt: "Immer werde ich mit Opa verglichen."

Und dieser kennt in keinerlei Hinsicht Stillstand. Der 100. Geburtstag bedeute für ihn nichts, meint er. Er fühle sich nicht älter als 60 und könne praktisch alles machen. Und bei Niemeyer ist das nicht nur so dahergesagt. Nachdem er nach 76 Ehejahren 2004 Witwer wurde, heiratete er 2006 seine langjährige Sekretärin – ohne der Familie Bescheid zu sagen. "Ich habe zu wenig in meinem Leben gemacht", begründete Niemeyer diesen späten Schritt. "Das Leben ist zu kurz, nur ein Hauch."

Dienstag, 11. Dezember 2007


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