Quer durch Galerien
Sie ham uns a Haus herbaut
Von Claudia Aigner
Da dürfte jemand eine radikale Entziehungskur machen. Um sich
die Zivilisation abzugewöhnen. Oder es hat einfach nur irgendwer seine
Hütte in der Einöde wie einen Hund ausgesetzt. Auf dem gottverlassensten
Flecken in Berlin, nämlich auf den letzten paar Quadratmetern, auf denen
es noch keinen Zahlungsverkehr gibt: auf dem wüsten und leeren Leipziger
Platz. Freilich: Die Klause hat ja praktisch U-Bahn-Anschluss, ist
also nicht völlig "unplugged", sondern hat einen Notausgang zur "totalen
Urbanität" - ein paar Meter weiter. Da liegt der Potsdamer Platz, der voll
ist mit einer vollgültigen kleinen Großstadt, wie's jetzt überall so
modern ist, wo man sich dem fröhlichen Kreditkartenzücken und anderen
Vergnügungen hingeben kann (zum Beispiel sich im Schatten von Hochhäusern
zu räkeln). Und vor diese Kulisse hat nun Tobias Hauser provokant seine
rustikale Einsiedelei hingestellt. Ein Fall von Widerstandswohnen, sprich
ein passiver Abwehrkampf gegen die Stadtplanung? Aussteigerromantik? Die
Verzweiflungstat eines eingefleischten Singles? Oder schlicht böswilliges
Verlassen einer Stadt, also Stadtflucht? Wenn man dort an die Tür klopft,
könnte folglich entweder einer mit einer Büffelkunstfelljacke herauskommen
(ein harmloser Stadtneurotiker) oder einer mit einer Rohrbombe (weil hier
vielleicht doch jemand eine Filiale der Bajuwarischen Befreiungsarmee
aufgemacht hat). Oder es kommt ein Transzendentalist, ein Nachfahre von
Henry David Thoreau, der im 19. Jahrhundert zwei Jahre lang einer
reaktionären Wohnkultur frönte, kurz: dem Hüttenleben im Walde. Das
witzige Foto von Hausers Ein-Mann-Hütte: bis 11. Jänner bei Kerstin
Engholm (Schleifmühlgasse 3). Mit einer zünftig frechen Häuslbauer-Geste
das ganze Leben, Bauen und Wohnen in der Stadt zu problematisieren, ist
eigentlich brillant. Bei den meisten Architekturbeiträgen der andern
steh ich daneben, wie sehr sich meine rechte und linke Gehirnhälfte auch
aufeinander stürzen wie zwei Sumoringer. Etwa wenn bei Sam Durant ein
Architekturmodell von einem Kassettenrekorder erschlagen wird, der Neil
Young spielt. Würde da Arik Brauer singen: "Sie ham a Haus baut, Sie ham
uns a Haus herbaut", fiele mir was dazu ein. Gerwald Rockenschaub (bis
18. Jänner beim Kargl, Schleifmühlgasse 5) versteht es wirklich, einen
Raum zu beherrschen. Ob er nun mitten drin eine Mauer auftürmt oder sich
seine klaren Farben enger an die Wand kauern. Wie bei seinen geradezu
vollkommenen, akkuraten, bunt abstrakten Plexiglasarbeiten. Da kann sich
der Perfektionist sogar eine farbliche Untertreibung (also Farblosigkeit)
erlauben. Wenn er sich dann mit exakten Löchern und mit den Schatten an
der Wand spielt. Ich bin ja selber schuld. Was geh ich auch gleich
darauf zum Imi Knoebel in die Galerie nächst St. Stephan (Grünangergasse
1, bis 18. Jänner)! Der hat zwar auch ein starkes Gefühl für Farbe,
pinselt aber alles ziemlich schlampig auf seine disziplinierten Strukturen
aus Alu, die derweil verzweifelt nach Präzision schreien.
Erschienen am: 20.12.2002 |
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