| Sammlung Essl zeigt Balkan-Kunst | |
|
"In dieser Schau geht es nicht um Exotik, sondern darum, den Balkan als Kulturlandschaft ins westliche Bewusstsein zu integrieren", so Harald Szeemann. |
Harald Szeemann, Kurator der Ausstellung
"Blut und Honig - Zukunft ist am Balkan", ist zufrieden, denn er ist in
kreativer Hochstimmung. "Jetzt haben wir alle Medien hier: Video, Malerei,
Installationen, Objekte, Blumen und Hotelschilder. Es ist jetzt richtig
farbig geworden", stellt er knapp vor der offiziellen Eröffnung fest. Die Schau, bei der 73 Künstlerinnen und Künstler von Albanien bis zur
Türkei vertreten sind, ist bis 28. September zu sehen. Verwiesen wird hier
nicht nur auf Südosteuropa, wo erst eine multikulturelle Einheit entstehen
muss, sondern auch auf das Verbindende unter den vielsprachigen Ethnien
durch die Kunst. Ersens "Im Strafraum" In einem Saal baut eine junge Frau mit einem Arbeiter eine Installation
auf, die aus Kunstrasen und Fußballtoren, aus Fahnen und einem Video
besteht. Die Arbeit der Türkin Esra Ersen heißt "Im Strafraum" und ist für
die Kunsthalle Bonn entstanden, als die Künstlerin mit einem Stipendium in
Deutschland lebte. Sie gab drei in Deutschland aufgewachsenen türkischen Studentinnen
deutsche Flaggen und ließ sie das Schwarz herausschneiden. Die
verbleibenden roten und gelben Bahnen wurden wieder zusammengenäht. Sie
ergaben die Fahne des bekannten türkischen Fußballklubs Galatasarey. In
dieser Form wurden dann die Flaggen ans Kunstmuseum Bonn gehängt. Ein provokantes Zeichen Die vielen in Bonn lebenden Türken sahen also das Zeichen "ihres" Klubs
an einem offiziellen deutschen Gebäude, just gegenüber dem deutschen
Bundestag. Das war, so Esra Ersen, natürlich ein wenig provokant gemeint: "Und es
war auch ganz interessant. Wie kann so eine Fußball-Klub-Fahne in ein
Kunstmuseum kommen? Die Türken waren sehr stolz darauf, und während der
Diaspora ist das ein sehr wichtiges Zeichen. Denn sie fühlen sich wie eine
zweite Klasse." Politisch engagierte Szene Esra Ersen kommt aus Istanbul, wo es eine renommierte Kunstbiennale
gibt. Und was sich für die Kunst-Szene dieser Millionenstadt sehr positiv
auswirkt: "Die Kunstszene in Istanbul ist eher politisch engagiert. Das kommt
daher, weil jeden Tag soviel passiert und die Künstler eine Antwort geben
müssen. Und so arbeiten sie täglich gegen etwas." Keine plakative Polit-Kunst Die politische Komponente zieht sich durch die gesamte Schau, auch wenn
Harald Szeemann keine plakative Polit-Kunst ausgewählt hat. Die Künstler der Balkanstaaten kommen vielfach aus Gesellschaften, wo
religiöse und soziale Tabus und strikte Regeln noch existieren. Es liegt
daher in der Natur der zeitgenössischen Kunst, an solchen Tabus zu
rühren. Todesritus enttabuisiert So hat der Albaner Adrian Paci sich ein Klageweib für den eigenen Tod
bestellt, sich auf die Bahre gelegt und die Frau ihr Werk tun lassen. Dann
erhob er sich von der Bahre und schüttelte der Frau die Hand. Das alles
sieht man in Videostills.
Den eigenen Tod so zu inszenieren und damit auch den Todesritus zum
Spiel zu machen bedeutet in Albanien, wo zum Teil noch nach archaischen
Gesetzen gelebt wird, einen enormen Tabubruch.
Die auch im Westen prominente slowenische Gruppe "IRWIN" deckt mit
ihrer Arbeit einen dringenden Bedarf und gleicht einen Mangel aus, an dem
die Kunstszenen Osteuropas leiden. Denn die moderne Kunst der ehemaligen
kommunistischen Länder wurde nie wirklich länderübergreifend
aufgearbeitet. Und so weiß niemand exakt um Zusammenhänge und Querverbindungen
zwischen Künstlern und Kunstströmungen jenseits des früheren Eisernen
Vorhangs. Nun haben die Künstler der Gruppe eine Art Landkarte erstellt,
wie Borut Vogelnik erklärt: "Es ist eine Autokarte, ein simples
Informationsmittel für jeden, der die Gegend nicht kennt. Ich muss sagen,
dass auch entdeckt habe, dass ich mich auch nicht so gut auskenne.
Tatsache ist, dass es bisher keine solche Karte gab." Von Kroatien bis Litauen baten sie kompetente Kontaktpersonen, ihnen
jene zehn bis 15 ihrer Meinung nach wichtigsten Künstler und Kunstprojekte
ihrer Länder zu nennen. Diese Namen und Daten fügten sie dann
zusammen. Abneigung gegen Sammel-Ausstellungen Viele Künstler aus Ost- und Südosteuropa mögen Sammel-Ausstellungen
nicht besonders. Denn sie haben das Gefühl, dass ihre Arbeit nur unter dem
Ost-West-Aspekt betrachtet oder allzu sehr politisch etikettiert wird. Borut Vogelnik hat nichts gegen Ost-Kunst-Ausstellungen. Er gibt zu
bedenken, dass die Erfahrung des realen Sozialismus doch Teil der jetzigen
Identität der Menschen in diesen Ländern ist. Diesen gemeinsamen
politischen Hintergrund dürfe man nicht verdrängen: "Der allgemeine
politische Background ist nicht wichtig. Ich denke, die Tatsache, dass wir
den Sozialismus verlassen haben, bedeutet nicht: Vergesst ihn so schnell
wie möglich. Es sollte nicht nur als Faktum akzeptiert werden, sondern man
sollte auch die positiven Aspekte sehen. Nicht positiv in politischer,
sondern in kultureller Hinsicht", stellt Vogelnik fest. Geschichtsbewusstsein Aus den meisten Arbeiten in der Ausstellung spricht ein
Geschichtsbewusstsein, eine Poesie der Schichtung von Vergangenheit, die
der Kunst in Westeuropa nicht in solchem Maß anhaftet.
Rasa Todosijevic, ein bekannter Belgrader Avantgardekünstler der
Generation von Marina Abramovic, findet es wunderbar, dass er über seine
Großmutter auch noch das 19. Jahrhundert mitbekommen hat: "Ich wurde 1945
geboren. Damals lebte meine Großmutter noch, die im 19. Jahrhundert
geboren worden war. So habe ich durch sie Erfahrungen mit dem 19.
Jahrhundert, aber auch Erfahrungen mit dem 20. und 21. Jahrhundert. Es ist
sehr schwer, die Vergangenheit zu vergessen - sie ist ein Teil von
uns." Ein visionärer Zugang Todosijevic hat bereits Harald Szeemanns gesamte Schau mit kritischem
Blick gesehen. Zuerst dachte er: Eine normale Länder-Überblicksschau,
Routine sozusagen. Aber auf den zweiten Blick sieht er doch auch eine
partisanenhafte Annäherung an jenen Teil Europas, der bald zum
"zivilisierten" Teil des Kontinents zählen wird. "Diese Ausstellung hat einen visionären Zugang. Denn diese
Balkan-Staaten werden in den nächsten Jahren ein Teil Europas sein",
resümiert Todosijevic. Tipp: Ausstellung "Blut und Honig - Zukunft ist am Balkan", Sammlung
Essl, von 16. Mai bis 28. September. | ||||||||