Kultur

"Wir schenken ohne Wenn und Aber"

26.09.2007 | SN
Ihre Kunstsammlung im Wert von rund 1,5 Mill. Euro haben Gertraud und Dieter Bogner dem Mumok geschenkt. Warum? Das erläutert Dieter Bogner im SN-Gespräch. HEDWIG KAINBERGER

Hedwig Kainberger Interview Das Ehepaar Gertraud und Dieter Bogner hat eine Sammlung aus rund 100 Bildern, Skulpturen und Rauminstallationen, etwa 300 Zeichnungen, Druckgrafiken und Gouachen sowie mehrere Autografe und Erstausgaben von Büchern - alles im Wert von etwa 1,5 Millionen Euro - dem Museum Moderner Kunst in Wien (Mumok) als Schenkung übergeben. Die SN baten darum Dieter Bogner um ein Gespräch.

Warum verschenken Sie und Ihre Frau etwas, in das Sie jahrzehntelang viel Geld und Engagement gesteckt haben? Geht es um Freiwerden von Besitz? Um Loslassen?

Bogner: Nein, nein! Das ist eine inhaltlich schlüssige Sammlung, die so etwas wie ein Nest braucht, wo sie langfristig umsorgt wird und wo sie wirken kann. Der Ort dafür ist das Museum. Wir geben das Eigentum daran auf, aber nicht die Idee. Diese lebt weiter. Sie können diese Fürsorge nicht mehr bieten?

Bogner: Derzeit schon. Aber wir werden nicht ewig leben. Und wir wollen, dass diese Sammlung und ihr Konzept erhalten bleibt. Privatsammlungen können ja schnell vergehen. Sie brauchen nur beobachten, was mit den Sammlungen von Bawag und Generali passiert. Die Generali hat eine der besten Sammlungen in Österreich. Vielleicht wird sie demnächst aufgelöst oder verkauft. Jedenfalls wird sie mit jener der Bawag kombiniert, und die Direktorin, Sabine Breitwieser, verlässt nach fast zwei Jahrzehnten die Generali-Foundation.

Bedeutet die Schenkung für Sie auch eine Entlastung? Sie müssen sich nicht mehr um Pflege, Restaurierung und Versicherung kümmern.

Bogner: Das ist für die Schenkung nicht entscheidend. Die Übernahme von Kosten durch ein Museum ist üblicherweise für einen Leihgeber wichtig. Wir wollen keine Vorteile aus der Schenkung ziehen, außer das Vergnügen.

Was ist das für ein Vergnügen ohne die Kunstwerke?

Bogner: Es ist die Freude, die Sammlung in guten Händen zu wissen und beobachten zu dürfen, wie sich deren Inhalt in immer wieder neuem Kontext entfalten kann. "Wir werden für uns und für das Museum weiter sammeln." Sie sagten, dass auch ohne Ihr Eigentum an der Sammlung deren Idee weiterleben werde. Welche Idee ist das?

Bogner: Die Sammlung ist ein Statement zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Wir suchten geometrische, konstruktive und konzeptionelle Phänomene vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Dazu gehören Schlüsselwerke von Joseph Matthias Hauer, Johannes Itten und Friedrich Kiesler. In der Sammlung sind u. a. Werke des Wiener Kinetismus, etwa von Lajos Kassák oder Otto Neurath, sowie Publikationen der strukturanalytischen Wiener Schule der Kunstgeschichte, also von Alois Riegel, Otto Pächt, Hans Sedlmayr und Hans Tietze. Das Spektrum reicht bis in die achtziger Jahre mit Heimo Zobernig oder Dorit Margreiter.

Sammeln Sie weiter?

Bogner: Ja, natürlich! Zum einen sammeln wir für uns selbst weiter, zum anderen werden wir einvernehmlich mit dem Museum Kunstwerke erwerben, die die dortige "Sammlung Bogner" erweitern. Die Schenkung ist nicht ein Endpunkt, sondern eine Zwischenstation. Mit dem Museum geht es weiter.

Wie leben Sie privat mit der Kunst weiter?

Bogner: Die Rauminstallationen (die Teil der Schenkung sind, Anm.) bleiben in Schloss Buchberg (am Kamp, wo Gertraud und Dieter Bogner einen Kunstraum eingerichtet haben). Dort ist ja so etwas wie eine private Öffentlichkeit. Da kommen sehr viele Leute hin. Außerdem ist dort viel Platz für Ausstellungen.

Ist das jetzt leer geworden?

Bogner: Nein! Es ist immer noch viel da. Wir sind selbst überrascht, was wir aus den Schubladen ziehen.

Wie sind Sie beide Sammler geworden?

Bogner: Es war in Paris, wo wir als jung Verheiratete gelebt und mittelalterliche Kunst studiert haben. Bei einer Party lernten wir Hildegard Joos kennen. Die sagte uns: "Kommt's doch meine Bilder anschauen!" Ich dachte mir, das wird Kokoschka in der 25. Generation sein. Dann waren da in ihrem Atelier riesige schwarz-weiße Keilbilder, geometrische Bilder! Hildegard Joos hat uns umgedreht zum Zeitgenössischen. Sie hat uns dann - so wie Christa Hauer-Fruhmann und Grita Insam - Mitte der 70er Jahre in die Wiener Szene eingeführt.

Wie wurde Kunst zur Passion?

Bogner: Das kam über die kunsthistorische Forschung. Worüber ich geforscht hab, das hab ich dann gesammelt und umgekehrt. Das war eine Wechselbewegung. Einmal forschte ich für eine Publikation in den 80er Jahren über die Zwischenkriegszeit in Österreich, über Kunst, Musik, Politik, Literatur - so stieß ich auf Friedrich Kiesler, Johannes Itten und Joseph Matthias Hauer.

Warum schenken Sie die Sammlung dem Mumok?

Bogner: Erstens ergänzt sich unsere Sammlung mit jener des Mumok ideal. Zweitens arbeiten wir seit vielen Jahren mit dem Mumok zusammen.

Drittens wollen wir darauf aufmerksam machen, dass private Sammler kulturpolitisch handeln sollten, indem sie Museen in ihrem Bemühen unterstützen, schlüssige Sammlungen aufzubauen.

"Auch private Sammler sollten kulturpolitisch handeln." Ein anderes Ehepaar, Herbert und Rita Batliner, hat vor kurzem seine Sammlung der Albertina zur Verfügung gestellt. Ist das auch ein solches "kulturpolitisches Handeln"?

Bogner: Nein, denn das ist keine Schenkung, sondern eine Leihgabe für zehn Jahre. Außerdem kann der Sammler seine Bilder verkaufen, während sie in der Albertina hängen. Und laut Medienberichten ist die Sammlung zurückziehbar, wenn der Museumsdirektor geht. Ich halte es für problematisch, wenn eine Leihgabe an einen Direktor statt an die Institutionen gebunden ist. Unsere Haltung ist eine andere: Wir schenken ohne Bedingungen, ohne Wenn und Aber. Hinter unserer Schenkung steckt kein Geschäftsmodell.

Welches Geschäftsmodell?

Bogner: Ein Leihgeber sagt dem Museum: "Ich borge dir etwas, du nutzt es, dafür übernimmst du die Kosten." Der Leihgeber bleibt Eigentümer, er kann von der Wertsteigerung dank der Ausstellung im renommierten Museum profitieren.

Dass diese Vermischung von Interessen nicht ideal ist, zeigt eine Initiative deutscher Museen: Die haben den 7. Oktober zum "Tag der Schenkung" erklärt, weil sie die Nase voll haben von diesen Auseinandersetzungen mit Leihgebern.

Sie wollen darauf hinweisen, dass sie alle - wie übrigens auch viele Museen in Österreich - auf Grund von Schenkungen entstanden sind.

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