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  63  Graz: Remenber Ansgar Martin Richter  
   
   


Die Alten sind die Jungen vongestern" - könnte der Leitsatz jener Stadt heißen, die bis in alle Ewigkeiten den Avantgarde-Begriff für sich in Anspruch nehmen wird. Er spiegelt nicht nur die Intentionen der kulturellen Ereignisse des diesjährigen Herbst es in Graz wider (der ganz im Zeichen der Rereadings stand), sondern gibt auch Einblick in das vorortherrschende kulturelle Klima. Nach der Ablöse der alten Avantgardisten durch die jungen, versucht die ursprüngliche Gründungsstätte des Steirischen Herbst, Forum Stadpark, seit ein paar Jahren neue Wege zu beschreiten (mit dem Erfolg, von den "Alten" aus dem Festival ausgeschlossen zu werden) und führt zugleich vor, wie man an ein und dem selben Thema unterschiedlich operieren kann.
Während der Steirische Herbst im Projekt Re-Make/Re-Model, reichlich diskursiv und eventorientiert, nach Möglichkeiten suchte, in einer"secret history of pop, art and life" die Geschichte der Pop-Kulturkomplexer aus der Sicht des Underground zu argumentieren, legte das Forum Stadtpark dar, wie individuelle Biografieunter dem Label Underground im Medium der Ausstellung aufbereitbar ist. Die in beiden Projekten implizierte Frage, wie/ob subkulturelle Lebensphilosphie als Selbstinszenierung einer kunstgeschichtlichen Nachbearbeitung bedarf, findet in zweiterem zumindest pointierter eineAntwort.

Ansgar Schnitzer, dem diese Ausstellung gewidmet ist, starb 1993. Umso erstaunlicher der vermittelte Grundtenor , der zeigt - und das gibt die Show mehrfach zu verstehen - wie ein Künstler jenseits posthumer Abfeierungstaktiken seinen singulären Status beibehalten kann. Inspiriert durch Comics, Punk und diverse Trivialkulturphänomene steht die Person für personifizierte Subkultur, als Musiker, bildender Künstler und Autor ebenso, wie als Kernphysiker. Die Ausstellung zelebriert dies auf drei Ebenen - seinem augenscheinlichen Lebens-Lustprinzip folgend: zum einen als Ausstellung mit Ansgar Schnitzers Arbeiten (er selbst verstand sich nicht als Künstler), zum anderen als Hommage mit rund 20 Beiträgen von Künstlern, Musikern und Wissenschaftern und zum dritten als eine daraus resultierende Geschichtsschreibung überLifestyle einer KünstlerInnengruppe im Sozialgefüge Graz der 80er Jahre.

Im vorwiegend erlebnisbetonten Dokumentationsteil geben Konzertmitschnitte( "Never mind the 80ies" so der Titel einer erwerbbaren CD ) und Filmprojekte (als performative B-Movies zu umschreiben), Aktionen oderseine legendären Geschenke - kleine grelle Holz-Fetische, Surrogate für Wunscherfüllungen, an Freunde oder Politiker - eine konzentrierte Sichtung auf Ansgars Vorliebenfür das Absurde, Zynische und politisch völlig Unkorrekte.

Die Beiträge der Künstlerfreunde hingegen beschreiben sein Lebens-und Arbeitsprinzip in Form von Antworten und Fragen. Entscheidend istzweifellos das emotionale Setting. Bilder, Geschichten oder Briefe erweisensich als Ausgangsmaterial für die Konzeption der Arbeiten - und orten Ansgar bisweilen sogar als secret inspirator für ein OEvre ( wie Pipilotti Rist im vierseitigen Insert"Ansgar ist Sonnengott" der Zeitschrift "DU" schon 1997 beweist).

Arbeiten von Peter Sandpichler, "Spaceship Ansgar", oder Michael Zinganels"Auf die Dauer einfach schlauer" - Villa Knox (aus Fix und Foxi, imstilisierten Kartonnachbau) veranschaulichen Ansgars Liebe zu Comics, Astronauten und liebevoll aufbereiteten Wissenschaftsmagazinen aus den 70er Jahren alá"yps". In diesem ritualisierten "Return to sender"-Prinzip, das die Ausstellung durchgehend bestimmt, verweist das einzelne Objekt auf Ansgar und reflektiert zugleich persönliche Geschichte mit der Person. Bewegung solcher Art stehen einer "objektivierenden Kontextualisierung" gegenüber - nicht nur grell und bunt, wenn auch vorwiegend:

So rekonstruiert Eva Ursprungs (sie ist auch die Organisatorin desProjektes) Video-Raum Ansgars letzte Jahre in Japan, wo er als Kernphysiker arbeitete. Unter dem Vorwand "analytischer" Geschichtsaufarbeitung umkreist Eva Ursprung eine persönlichnicht miterlebte Phase versatzstückartig durch vorort geführte Interviews kombiniert mit klischeeartigem Japan-Ambiente . Die "Löcher"gemeinsamer Geschichte durch Bilder zu ersetzen, bearbeitet Wolfgang Cappelari etwas weniger "fundiert". In seiner Leinwand-Installation verschwindet "Das Verschwinden" nahezu in den Unweiten einer buntnaiven Weltenlandschaft. Beiläufig im linken Eck: ein abstürzendes Motorad. Hinter der Leinwand nur die Leere und ein Stuhl.

Insgesamt wird klar: Im vermittelnden Switching zwischen Erinnerung und Erzählung erklärt jede der gezeigten Arbeiten die Hommage als Kunstder Rituale und Rhetorik. Was die Ausstellung bezwecken will, ist ohneFrage Mythenbildung, die sich jedoch den lustbetonten Charakter der Ironisierung nicht verwehrt:Mainstreamverdächtiges in eine feingliedrige Konsensstruktur verwandelt,die Spaß und Exzess lanciert als grenzüberschreitenden subversiven Un-Sinn.

Warum "remember ansgar" nun tatsächlich nicht Teil des SteirischenHerbst war, bleibt zu fragen. Impliziert sie doch ein Kernthema desdiesjährigen Festivals: vorgefertigte Klischees der Popkultur aus ihrem geschichtlichen bzw. individuellen Kontext heraus zu betrachten , um sie so einer Mainstreammaschinerie erst entziehen zu können.

(Das Forum Stadtpark ist bis Mai 2000 wegen Umbau geschlossen, jedoch: "Remenber Ansgar" geht auf Tour. Von 8.12. - 20.12.99 im KunstraumOffenbach, 20.1.- 20.2.2000 im Kunst Raum Linz)

 
     

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