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Wien
vivencias/Lebenserfahrung in der Generali Foundation
von Maren Lübbke

vivencias›, die für die Generali Foundation konzipierte Ausstellung, versammelt Arbeiten lateinamerikanischer Künstlerinnen und Künstler, deren Konzepte auf dem in den sechziger Jahren manifesten Wunsch nach unmittelbarer körperlicher und geistiger Erfahrung im Sinne eines ganzheitlichen Lebensgefühls basieren.

‹Ist es nicht ohnehin gänzlich überholt, ein Konzept einer Ausstellung auf geographischen Überlegungen aufzubauen? Wohin soll das führen, als dass bestehende und in den meisten Fällen ohnehin problematische Klischees verstärkt werden?›, fragt Kuratorin Sabine Breitwieser selbstkritisch im begleitenden Katalog zu ihrer Ausstellung ‹vivencias›, die Werke lateinamerikanischer Künstler und Künstlerinnen von Beginn der sechziger bis zu den achtziger Jahren umfasst. In der Folge argumentiert sie mit James Clifford, der Ausstellungen fordert, die innerhalb spezifischer, interkultureller Artikulation platziert sind, Ausstellungen, die das Risiko der Verallgemeinerung deutlich machen und deren Auswahlprinzipien der Kritik zugänglich sind. Bei der Recherche zu ihrer Ausstellung stellte Breitwieser dann aber ohnedies fest, dass die meisten der eingeladenen Künstler und Künstlerinnen auf einen internationalen biografischen Background verweisen können, der verallgemeinernde Begriff der ‹lateinamerikanischen Kunst› also grundsätzlich fragwürdig erscheint. In der Tat lassen sich sowohl formale als auch inhaltliche Überschneidungen zum bisherigen Forschungsschwerpunkt und zur Ausstellungprogrammatik der Generali Foundation ausmachen, die sich bislang in der Hauptsache den westlich dominierten Diskursen und künstlerischen Praktiken annahm.

Das wichtige prozesshafte Moment, das mit dem Begriff ‹vivencias› angesprochen wird, ist in der deutschen Übersetzung mit ‹Lebenserfahrung› nur unzureichend nachvollziehbar. Anders als manche Arbeiten der westlichen Kollegen der ‹Kunst und Leben-Zeit›, sind die Arbeiten von Luis Camitzer, Lygia Clark, Alberto Greco, David Lamelas, Lea Lublin, Cildo Meireles, Marta Minujin und Hèlio Oiticica jedoch deutlich von den sozialen, kulturellen und politischen Konflikten ihrer Zeit geprägt. Die Verarbeitung von Alltagserfahrungen, zum Beispiel in den Armenvierteln der Grossstädte, sowie die Bezugnahme auf politische Gewalt und Folter wird genauso sichtbar wie die kritische Auseinandersetzung mit dem westlichen kulturellen Erbe. Die Arbeit von Hèlio Oiticica mag als ein signifikantes Beispiel dafür stehen: ‹La Pureza és un mito› (Die Reinheit ist ein Mythos), eine Installation, spielt mit den gängigen Klischees der Tropen. Zwei auf die Architektur der Favelas in Rio de Janeiro anspielende Räume sind von Sand, Palmen, einem Papagei und einem Fernseher umgeben. Der Schriftzug ‹La Pureza és un mito› steht dabei eindeutig für die Zurückweisung jeglicher Vorstellung einer ungebrochenen kulturellen und individuellen Identität.

Die Ausstellung bietet ein umfassendes
Rahmenprogramm zur lateinamerikanischen Kultur an. Die ‹Soft Gallery – 200 Mattresses› (1973/2000) von Marta Minujin, ein aus Matratzen bestehender Raum, bietet dafür die Bühne.

Bis 22.12.2000

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Ausgabe: 12 / 2000
Ausstellung: ( - )
Institution: Generali Foundation (Wien)
Autor/in: Maren Lübbke
Künstler/in: Lygia Clark , David Lamelas , Cildo Meireles , Hélio Oiticica , Marta Minujin , Alberto Greco