Möglicherweise weitet Wilfried Seipel, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums, sein Reich, das dank der Kooperation mit Guggenheim nicht nur bis Leoben und Ambras, sondern bis Las Vegas reicht, noch ein wenig aus. Denn vielleicht übernimmt er auch das mager dotierte und daher in der Autonomie kaum überlebensfähige Volkskundemuseum in der Laudongasse.
Das KHM mit Lipizzanermuseum, Schatzkammer, Wagenburg und Theatermuseum scheint daher noch ein wenig mehr zum Gemischtwarenladen zu werden. Bereits der Takeover des Völkerkundemuseums vor vier Jahren mutete sonderbar an (auch wenn man der Intention, alle in der Neuen Burg untergebrachten Sammlungen administrativ zu vereinen, durchaus einiges abgewinnen konnte). Schließlich hatte sich die ehemalige Ethnografische Abteilung des Naturhistorischen Museums erst 1926 ihre Eigenständigkeit erkämpft.
Die Fusion von Volks- und Völkerkunde hingegen macht durchaus Sinn. Denn was ist österreichische Volkskunde anderes, so Seipels nachvollziehbare Argumentation, als ein Teil der Völkerkunde?
Gescheitert hingegen ist Seipel mit seinem Plan, die Albertina zu übernehmen: Bildungsministerin Elisabeth Gehrer bestellte einen neuen Direktor - und Klaus Albrecht Schröder avancierte binnen kurzem (das Palais wurde nach seiner Renovierung im Frühjahr 2003 wiedereröffnet) zum wichtigsten Gegenspieler des KHM-Chefs in Wien.
Schröder erkannte sogleich, dass der Expansion Grenzen gesetzt sein würden, auch wenn die neue Albertina über je zwei große und kleine Hallen für Wechselausstellungen verfügt: Sein Haus wird - im Gegensatz zum KHM - nie zu den großen zehn Museen der Welt zählen. Er schlägt daher eine Fusion mit der Österreichischen Galerie vor.
Fehlende Schlagkraft
Seine Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Denn auch der ehemaligen Staatsgalerie (als Gegenpol zu den kaiserlichen Sammlungen gegründet) fehlt es an Schlagkraft: Direktor Gerbert Frodl bemühte sich zwei Jahre lang, eine Goya-Ausstellung an Land zu ziehen. Doch schließlich schnappte Seipel sie ihm weg, weil er dem Prado als Tauschware u. a. die Malkunst von Vermeer offerierte, während Frodl "nur" die Köpfe von Franz Xaver Messerschmidt anbieten konnte. Mit dem Dürer-Hasen der Albertina als Atout wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen.
Die Österreichische Galerie wäre eine ideale Ergänzung: Die Albertina verfügt über keine permanente Schausammlung (da die Arbeiten auf Papier zu empfindlich sind), das Obere Belvedere hingegen über keine (oder nur ungenügende) Flächen für Wechselausstellungen. Und so könnte die Österreichische Galerie, Programmpunkt vieler Wien-Touristen, als ideale Geldquelle dienen - nicht nur, um ein außerordentliches Programm in der Albertina zu ermöglichen, sondern auch, um Ankäufe tätigen zu können. Diese sind dringend nötig, wenn man gegenüber der Tate Modern wie der Sammlung Essl nicht abstinken will.
Papier und Leinwand
Aber es gibt noch einen weiteren Fusionsgrund: Im Zuge der Museumsneuordnung Mitte der 20er-Jahre wurde die Albertina, die ihre Ölgemälde abzugeben hatte, auf eine grafische Sammlung reduziert. Diese Spezialisierung dürfte aber längst anachronistisch und auch künstlerisch obsolet sein: Schröders Bestreben ist es, die Arbeiten auf Papier (oft Studien und Entwürfe) mit jenen auf Holz oder Leinwand in Verbindung zu setzen.
Von Kritikern wird ihm mitunter zwar vorgehalten, der eigenen Sammlung zu misstrauen. Schließlich wird auch eine reine Grafikausstellung - wie im vergangenen Sommer mit Michelangelo - vom Publikum gestürmt. Aber Michelangelos gibt es nur wenige. Und viele Künstler, die in der Österreichischen Galerie vertreten sind, sind dies auch in der Albertina: Schiele, Kokoschka, Fendi, Alt . . .
Unter der Prämisse, dass ein Spartenmuseum tatsächlich anachronistisch ist, wäre daher auch denkbar, die Sammlung der Albertina zu filetieren: Die Verfügungsgewalt über die Blätter, die natürlich im eigens für Grafik eingerichteten Tiefspeicher verbleiben, könnten jene Museen zugesprochen bekommen, die epochen- oder ausrichtungsmäßig dafür prädestiniert sind: Das KHM erhält die Dürer- und Rubens-Blätter, die Österreichische Galerie die Klimt-Zeichnungen, das Mumok die Gegenwartskunst, das MAK die Architektursammlung.
Schröders Infragestellung des reinen Spartenmuseums könnte daher nicht in eine Fusion münden, sondern einen schmerzlichen Schuss ins eigene Knie bedeuten. Dass seit Langem Handlungsbedarf besteht, liegt allerdings auf der Hand. Denn das Museum für angewandte Kunst vernachlässigt mitunter das Design und konkurrenziert sich lieber mit dem Museum moderner Kunst, das Leopold Museum und die Österreichische Galerie bieten in etwa das Gleiche. Über eine Neuordnung der Bundesmuseen darf daher sehr wohl sinniert werden.
Eigenartiges Konstrukt
Eine Fusion von Leopold Museum, als Privatstiftung geführt, und Österreichischer Galerie ist gegenwärtig undenkbar. Sehr wohl aber steht die Österreichische Galerie zur Disposition, da sie ohnedies ein eigenartiges Konstrukt ist: in seiner derzeitigen Ausrichtung entstanden als Manifestation eines wiedererstandenen Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg. Gerade das Jubel-Trubel-Jahr 2005 könnte Anlass sein, die Relevanz eines nationalen Kunstmuseums zu hinterfragen.
Man könnte daher zu dem Schluss gelangen, dass die Klimts und Schieles viel besser im Leopold Museum aufgehoben sind: Die Touristen stünden nicht vor der Qual der Wahl. Und die geringen Bestände an internationaler klassischer Moderne könnten ins Museum moderner Kunst wandern: um dessen Bestand irgendwie aufzupeppen.
Bleibt nur mehr die Frage, was mit dem Oberen Belvedere zu passieren hätte. Es könnte die Sammlung der Akademie beherbergen. Denn am Schillerplatz fristet sie trotz des Bosch-Triptychons ein etwas unscheinbares Leben. Die Akademie war für Graf Anton Lamberg, den Stifter des zentralen Bestandes, ohnedies nur eine Art Notlösung: Als Aufbewahrungsort für seine herausragende Sammlung hatte er sich eigentlich das Obere Belvedere gewünscht. (DER STANDARD, Printausgabe, 04.01.2005)