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01.12.2006 - Kultur&Medien / Kommentare
Kunstlicht: Grapschen verboten!
ALMUTH SPIEGLER

V
or einem Jahr schwärmte ich hier schon von der National Gallery in Washington, vom wundervoll fragilen Porträt Leonardo da Vincis von Ginevra de'Benci, der man (fast) so nahe kommen durfte, wie man wollte. Ganz ohne Absperrung hängt sie dort vor einem, sogar fotografieren darf man - und kein grantiger Aufseher schnauzt einen an.

Jetzt ist die National Gallery mit "Giorgione Bellini Tizian" im Kunsthistorischen Museum in Wien zu Gast - und ihre Leihgaben müssen sich, dem österreichischen Brauch folgend, distanzieren, mit Kordeln und Bodenstreifen, die zum Abstandnehmen zwingen, sonst piepst er los, der hässliche Alarm.

Was ist nur los mit uns Österreichern, dass in unseren Umgang mit der Kunst nur so wenig Vertrauen gelegt werden kann? Wir haben keinen Respekt vor ihr. Und es gibt keine bürgerliche Museumstradition wie in den USA, wo es als imageträchtig gilt, die eigene Sammlung einer Institution zu vererben. Bei uns wird lieber selbst gebaut oder gleich verkauft. Fast so, als hätte man Angst, die Habsburger könnten heute noch davon profitieren, wenn ihre ehemaligen Sammlungen ergänzt werden.

Eher empfindet man Schadenfreude, wie etwa beim Saliera-Diebstahl, der fast als Kavaliersdelikt entschuldigt wurde. Dem Verbrecher schickte man Liebesbriefe - und ein Männermagazin feierte ihn als "Idol einer Generation". Genau wie ein selbst ernannter "Pornojäger", der sich schamlos an ihm nicht passenden Werken vergeht, durchschnittlich mehr Verständnis erntet als Kritik.

D
iese Ignoranz wird schon sehr früh kultiviert. In diversen Kindermuseen etwa, in denen spielerisch gelernt wird, dass man Kunst nicht nur angreifen kann, sondern sogar angreifen soll! Kein Wunder, dass Ausstellungen dann übertrieben abgesichert werden müssen.

Ein Museum ist in der Regel eben "nur" zum Schauen da. Nicht zum pseudokreativen Babytrommeln vor Bildern, nicht zum Selberbasteln und nicht zum Fangenspielen. Das erlauben Eltern ihren Kindern im Kino schließlich doch auch nicht. Danke.

almuth.spiegler@diepresse.com

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