DiePresse.com | Kultur | News | Artikel DruckenArtikel drucken


Kunsthaus Bregenz: Der Hai ist gelandet

20.02.2007 | 18:55 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Zehn-Jahres-Spektakel mit Duchamp, Merz, Hirst und Koons.

Was haben ein Urinal, 400 Leuchtstoffröhren, ein präparierter Tigerhai und ein monströser Luftballon-Hund gemeinsam? Sie alle sind Fundstücke, die von Künstlern wählerisch dem Alltag entrissen und herztief in unsere Kunstgeschichte implantiert wurden. Und sie alle sind zurzeit im Kunsthaus Bregenz zu sehen – Ikonen der Objektkunst, die 1913/14 begann, als Ready-Made-Pionier Marcel Duchamp in New York u.a. ein Fahrradrad, ein Urinal und eine Schneeschaufel einkaufen ging.

Schließlich brauchte das Genie ein kreatives Umfeld, um sein Hauptwerk, das „Große Glas“, beenden zu können. Dafür irritierte er seine eigene räumliche Wahrnehmung, indem er, wie historische Fotos zeigen, alltägliche Gegenstände total surreal im Raum montierte: Das Urinal hing von der Decke, eine Kleiderhakenleiste machte den Boden zur Wand. Im Rückblick hat Duchamp nicht nur seine eigenen Perspektiven verunsichert, sondern mit den späteren Repliken seiner erst einmal am Müll gelandeten Gedankenspiele, den Ready-Mades, auch die Kunst selbst mächtig auf den Kopf gestellt.

Bis heute ist er Kultfigur für Künstler wie Kunsthistoriker, die sich noch dazu durch professionelles Schachspiel jahrelang dem bösen Kunstmarkt entzog. Was man zumindest von zwei der drei Kollegen des 1968 Verstorbenen nicht behaupten kann, die das Kunsthaus Bregenz in „Re-Object“ zu Duchamps Nachfolgern adelt: Jeff Koons, dessen eisig glatte Balloon-Dogs und Riesentulpen zynischer Schmuck jeder hochkarätigen Kunstsammlung sind. Und Damien Hirst, dessen in 20 Tonnen Formaldehyd eingelegter, sich seit zehn Jahren langsam zersetzender Tigerhai nicht nur von der FAZ zum „Vanitas-Symbol“ unserer Zeit gekürt, sondern mit dem Verkauf an US-Milliardär Steven A. Cohen, den „king of hedge fund“, um kolportierte zwölf Mio. Dollar auch zum Wahrzeichen des Starsystems im heutigen Kunstmarktboom wurde.

Ein schöner Widerspruch – denn der Verfall des reißerischen Tierchens scheint im Preis nicht vorgesehen. Die letzten Monate musste der Brit-Art-Künstler den schwimmenden Koloss in seinem Londoner Atelier erneuern. Jetzt, bevor ein frischer Tigerhai ins Wallstreet-Büro zurückkehrt, macht er Zwischenstation im grüngrau verglasten Bregenzer Kunstaquarium. Allein das ist eine Sensation. Bei all diesem Namedropping und diesen glamourösen Geschichten ist es leicht, in die Spektakelfalle zu tappen. Doch das Kunsthaus schafft es, mit strengem Konzept und strenger Präsentation die Augen für die allzu bekannten Künstler wieder zu öffnen: Jeder besetzt mit einer Zusammenstellung wesentlicher Werke eine Etage, Duchamps Ready-Mades bilden die historische Basis im Erdgeschoß.


Alles glänzt: vom Penis zur Tulpe

So erkennt man Koons subversiv-vulgäre Frechheit, wenn er das Foto seines gerade noch aus Gattin Ciccolina ragenden feuchtglänzenden Penis seinen sonst scheinbar so harmlos verlockend glänzenden metallenen Tulpen, Hasen oder Hunden gegenüberstellt. Man erkennt in Hirsts Hai, in den meterlangen maschinellen Lack-Punkte-Gemälden und den gläsernen Medikamentenkästen die bittere Sterilität dieser Inszenierung von Tod und (Größen-)Wahnsinn.

Schließlich, im Stock gleich über Duchamp, der deutsche Konzeptkünstler Gerhard Merz, die sperrigste, als einzige völlig humorlose Position: Mit einem Sperrfeuer für die Blicke, einem rund 400 Neonleuchten starken Blendband, stellt er seinen Ekel vor glatten Oberflächen vermarktbarer Kunst aus: Drei nur auf den ersten Blick monochrome Großformate glänzen hier, beim Nähertreten sieht man den mitvermalten Schmutz und Menschenhaar. Darunter steht zum Beispiel „Luzifer“. Und es hat uns wohl sehr zu grauen. Womit sich zwischen Duchamp, Hirst und Koons, zwischen Zynismus und surrealem Spieltrieb, doch noch die Moral eingeschlichen hätte.

Inline Flex[Faktbox] JUBILÄUM

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2007)

null

© DiePresse.com