Eine nackte Frau, umzäunt von Stacheldraht, dazu drei Männer, den drei berühmten Affen nachgebildet, dahinter das brennende Wien: So sah Oskar Kokoschka 1942 den „Anschluss“: „Alice in Wonderland“ heißt das Bild. Ein Herr in NS-Uniform bedeutet der Kirche zu schweigen, die sich die Ohren zuhält, der dritte Mann ist ein Brite. Er hält sich die Augen zu.
Das Gemälde, entstanden im Exil in London, ist eines der wertvollsten in der Sammlung der „Vienna Insurance Group“ (VIG, „Wiener Städtische“) in der Ausstellung „Ringturm.Kunst“, bis 24.1.2011 im Leopold-Museum zu sehen. Die Schau ist sozusagen ein Sandwichkind zwischen der Klassischen Moderne aus der Baseler Fondation Beyeler im oberen Stock und der Otto-Mühl-Schau im Tiefgeschoß.
Die drei Themen ergänzen sich bestens. Die Versicherung sammelte seit den 1920er-Jahren. Nicht Werte wie bei anderen Großinstitutionen waren das Hauptziel, sondern Kunstförderung. Bilder wurden sogar zur Abdeckung von Prämienleistungen akzeptiert: Im konkreten Fall hat man einen guten Griff mit Leherbs „Pavillon du Lac“ (1966/67) getan. Doch auch viel weniger Bedeutendes findet sich in der Sammlung.
Romako, Rainer, Nitsch, Zeppel-Sperl
Kurator Franz Smola wählte gemeinsam mit Barbara Hagen-Grötschnig (VIG) die besten Arbeiten, 130 von insgesamt ca. 5000 Werken. Die Schau ist auch ein Gegengeschäft. Das Leopold-Museum inventarisiert und bearbeitet die VIG-Sammlung wissenschaftlich – die VIG ist Sponsor des Leopold-Museums, das unter Geldmangel leidet und wenig Aussichten auf Budgeterhöhung hat.
Die VIG-Sammlung ist eng mit der Konzernzentrale, dem Ringturm – Architekt Erich Boltensterns Wahrzeichen des Nachkriegswien –, verbunden. Das Gebäude verhüllten markant Christian Ludwig Attersee oder Hubert Schmalix. Im Ringturm ist ein Teil der Sammlung deponiert, vieles hängt in Büros von Mitarbeitern, einiges ist dauerhaft verliehen, z.B. auch der für Ausstellungen stark gefragte Kokoschka ans Wien-Museum. Die Ausstellung im Leopold-Museum zeichnet die Epochen österreichischer Kunstgeschichte nach und knüpft ein paar ungewöhnliche Verbindungen: z.B. zwischen der „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“, die sich mit den Abstrakten bekriegte, und der neueren figurativen Malerei. So brütet Rudolf Hausner „unter der Lampe“ wie ein Verhörter, während gegenüber ein schönes blondes Mädchen posiert. Was zunächst wie ein Werbespot aussieht, könnte auch Vorbereitung zum Suizid sein. Die junge Frau steht auf dem Fenstersims. „Am Vorhang“ stammt vom jungen, schon sehr erfolgreichen Martin Schnur.
Besucher werden viele Bekannte finden, von Romako, der den Link zur Leopold-Sammlung bildet, über Rainer, Nitsch, Peter Kogler, Zadrazil bis Zeppel-Sperl, aber auch auch weniger Geläufiges, eine prachtvoll bewegte Skulptur „nach Goya“ von Hortensia Fussy oder verspielt unheimliches „Publikum“ von Rudolf Leopolds Tochter Gerda.
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