Die gespeicherte Zeit


Einem Reißnagel oder einer Büroklammer sieht man nicht an, ob sie eben erst gekauft oder bereits Jahrzehnte alt sind. "Sie sind Archetypen im Sinne von C.G. Jung, die sich in uns eingenistet haben, sie signalisieren Vertrautheit und speichern Zeit und Erinnerung in sich", meint Uli Marchsteiner, der Kurator der neuen Design-Ausstellung in der Kunsthalle Krems, die den Fragen nachgeht: Wie entsteht ein Produkt, woher kommen die Ideen, wie wird es "gezeugt", entwickelt und geboren. Wie wird es vermarktet und wie altert und stirbt es?

Back to the roots

Nilfisk GM 80
Nilfisk GM 80
Als Gegenreaktion zur Beschleunigung der High-Tech-Produkte gibt es einen aktuellen Trend im Design, der diesem Bedürfnis nach gespeicherter Zeit und Vertrautheit nachkommt. Viele Elektrogeräte verwenden zwar aktuellste Technologien, ihr Äußeres erinnert aber wieder stark an Omas Zeiten. Ein bereits klassisches Beispiel dafür ist der Nilfisk GM 80, der "König der Staubsauger", der seit 30 Jahren ununterbrochen im gleichen Design hergestellt wird.

"Es gibt sie noch, die guten Dinge"

... so wirbt die deutsche Versandfirma Manufactum und macht mit gediegenen Objekten des Alltags gute Geschäfte. Allein das schwarze Bakelit-Telefon mit Wählscheibe und eineinhalb Kilo schwerem Hörer verkaufte sich in den ersten vier Wochen 3500 Mal. Auch im "Design-Unland Österreich" gibt es für Nostalgie-Produkte durchaus einen Markt, der sich seit rund vier Jahren auf einem passablen Niveau eingependelt hat, bestätigt der Designhändler Andreas Hagn.

Boom des Redesigns

Redesign, die Wiederverwendung einer bereits existierenden Produktidee, die an den heutigen Markt angepasst wird, ist nichts Neues, man denke an den Klappstuhl "Tric", der einem über hundert Jahre alten Thonet-Modell entspringt und 1965 von Achille Castiglioni adaptiert wurde, indem man ihn durch eine höhere Rückenlehne bequemer machte. Die internationale Nachfrage nach redesignten Möbeln nach Entwürfen von Josef Hoffmann ist ungebrochen, wie Heinz F. Hofer, der geschäftsführende Gesellschafter der Firma Wittmann bestätigt. Positiver Nebeneffekt zum kommerziellen Erfolg: Alte Handwerkskunst wird wiederbelebt.

Club 1910, Entwurf Josef Hoffmann, Hersteller Wittmann
Club 1910, Entwurf Josef Hoffmann, Hersteller Wittmann

Schönheit vor Bequemlichkeit

Ein Klassiker ist zeitlos in Form und Zweck, revolutionär in der Idee - man denke an die Thonet-Stühle, die die Kultur des Sitzens veränderten - und er ist über lange Zeit vermarktbar, so definiert Prof. Johannes Spalt, Architekt und Konsulent der Firma Wittmann in Sachen Redesign, Sitzklassiker. Bequemlichkeit ist dabei kein Kriterium, frei nach dem Motto, Corbusier-Stühle für unliebsame Gäste.

Zeitkapseln für die Zukunft

Es gibt auch noch andere Mittel, um der Vergänglichkeit entgegenzuwirken. 1965 präsentierte die amerikanische Firma Westinghouse einen fast zwei Meter langen torpedoartigen, korrosionsgeschützten Container, der Platz bot für ein Sammelsurium an Gegenständen, die dem damaligen Stand der Technik entsprachen. Die Zeitkapsel sollte sicherstellen, dass Dinge wie u.a. eine Polaroidkamera, eine elektrische Zahnbürste, eine Beatles-Platte und Beruhigungspillen für die Nachwelt erhalten bleiben. Das Bedürfnis nach Zeitkapseln scheint weiterzubestehen. Im Internet verkauft die Firma Future Archaeology transparente PVC-Röhren in verschiedenen Größen für die ganz persönliche Flaschenpost.

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