| Die gespeicherte Zeit | |
|
|
Einem Reißnagel oder einer Büroklammer
sieht man nicht an, ob sie eben erst gekauft oder bereits Jahrzehnte alt
sind. "Sie sind Archetypen im Sinne von C.G. Jung, die sich in uns
eingenistet haben, sie signalisieren Vertrautheit und speichern Zeit und
Erinnerung in sich", meint Uli Marchsteiner, der Kurator der neuen
Design-Ausstellung in der Kunsthalle Krems, die den Fragen nachgeht: Wie
entsteht ein Produkt, woher kommen die Ideen, wie wird es "gezeugt",
entwickelt und geboren. Wie wird es vermarktet und wie altert und stirbt
es? Back to the roots
"Es gibt sie noch, die guten Dinge" ... so wirbt die deutsche Versandfirma Manufactum und macht mit gediegenen
Objekten des Alltags gute Geschäfte. Allein das schwarze Bakelit-Telefon
mit Wählscheibe und eineinhalb Kilo schwerem Hörer verkaufte sich in den
ersten vier Wochen 3500 Mal. Auch im "Design-Unland Österreich" gibt es
für Nostalgie-Produkte durchaus einen Markt, der sich seit rund vier
Jahren auf einem passablen Niveau eingependelt hat, bestätigt der
Designhändler Andreas Hagn. Boom des Redesigns Redesign, die Wiederverwendung einer bereits existierenden Produktidee,
die an den heutigen Markt angepasst wird, ist nichts Neues, man denke an
den Klappstuhl "Tric", der einem über hundert Jahre alten Thonet-Modell
entspringt und 1965 von Achille Castiglioni adaptiert wurde, indem man ihn
durch eine höhere Rückenlehne bequemer machte. Die internationale
Nachfrage nach redesignten Möbeln nach Entwürfen von Josef Hoffmann ist
ungebrochen, wie Heinz F. Hofer, der geschäftsführende Gesellschafter der
Firma Wittmann bestätigt. Positiver Nebeneffekt zum kommerziellen Erfolg:
Alte Handwerkskunst wird wiederbelebt.
Schönheit vor Bequemlichkeit Ein Klassiker ist zeitlos in Form und Zweck, revolutionär in der Idee -
man denke an die Thonet-Stühle, die die Kultur des Sitzens veränderten -
und er ist über lange Zeit vermarktbar, so definiert Prof. Johannes Spalt,
Architekt und Konsulent der Firma Wittmann in Sachen Redesign,
Sitzklassiker. Bequemlichkeit ist dabei kein Kriterium, frei nach dem
Motto, Corbusier-Stühle für unliebsame Gäste. Zeitkapseln für die Zukunft Es gibt auch noch andere Mittel, um der Vergänglichkeit
entgegenzuwirken. 1965 präsentierte die amerikanische Firma Westinghouse
einen fast zwei Meter langen torpedoartigen, korrosionsgeschützten
Container, der Platz bot für ein Sammelsurium an Gegenständen, die dem
damaligen Stand der Technik entsprachen. Die Zeitkapsel sollte
sicherstellen, dass Dinge wie u.a. eine Polaroidkamera, eine elektrische
Zahnbürste, eine Beatles-Platte und Beruhigungspillen für die Nachwelt
erhalten bleiben. Das Bedürfnis nach Zeitkapseln scheint weiterzubestehen.
Im Internet verkauft die Firma Future Archaeology transparente
PVC-Röhren in verschiedenen Größen für die ganz persönliche
Flaschenpost. | ||||||