02.12.2001 20:18:00 MEZ
Nullerregung
Kein Kreuzstich, dafür die Beine
gekreuzt: Deborah Sengls "Oriontarnung"
Es scheint unerhört schwierig zu
sein, mit der Tatsache der Massenproduktion von Pornographie klarzukommen.
Dauernd keimt in irgendwem ein dringliches Bedürfnis auf, die bunten
Fake-Ferkeleien zu kommentieren. Gut, bei Feministinnen oder Priestern gehört
das zum Job. Aber auch in den Galerien und Museen will die Erregung nicht
abschwellen. Da wird der Traurigkeit des in Wirklichkeit womöglich fröhlichen
Wichsers gemahnt, da wird erstaunt auf den Mangel an Dramaturgie hingewiesen,
und schon ist man hochkritisch mitten in der allgemein herrschenden
Sprachlosigkeit. Der Kapitalismus, der Hunger in der Dritten Welt, die
Magersucht - lässt sich alles anhand eines Sexheftes erklären; eines Heftes, für
das auch noch Bäume sterben müssen.
Unter Künstlern recht beliebt ist die Praktik, unscharf darzustellen, was für
den alltäglichen Gebrauch natürlich hochauflösend sein muss. Deborah
Sengl etwa bedient sich dieser Technik. Sie nutzt Steckperlen, um sich
darstellend einer Ejakulation in der Großgruppe oder einer Einführung wider die
Sitten und Gebräuche des anständigen Christenmenschen zu nähern (Bild).
In Gold gerahmt liegt derartiges dann nicht verschämt unter der Matratze,
sondern hängt ganz offen in der Galerie feichtner&mizrahi. Und
bleibt, was Pornographie seit jeher war und ist: Kitsch.
(DER STANDARD,
Print-Ausgabe, 3. 12. 2001)
Quelle: ©
derStandard.at